Hier bin ICH

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Hier bin ICH | story.one

Es wurde finsterer. Noch konnte ich die Silhouetten der Bäume rundum erkennen. Noch hatte der Wald nichts Bedrohliches. „Warum habe ich Angst allein im Wald im Dunkel?“ fragte ich mich und zog den Schal fester um den Hals, um dem lauten Pochen meines Pulses Einhalt zu gebieten. „Hier IST keiner!“, beruhigte ich mich, doch ich spürte, wie gerade diese Tatsache mir Angst machte. „Hier ist KEINER!“ versuchte ich es noch einmal, doch auch die Betonung dieses Wortes ließ die Angst hämisch grinsend an mir hoch kriechen. Es war stiller geworden, und dunkler. Düster. Immer noch sah ich den Waldboden unter meinen Füßen, immer noch erkannte ich die Bäume und konnte die Wege zwischen ihnen erkennen. Dennoch,- die Luft hatte bereits diesen bläulichen Schimmer angenommen, den der Abend vor sich auszubreiten pflegt. Ich hatte im hellsten, strahlendsten Sonnenschein beschlossen, einmal eine Nacht alleine im Wald zu verbringen. Und dieser Gedanke hatte mich nicht mehr losgelassen. Ich wollte mich spüren, meiner Angst ins starre Antlitz blicken, die Zweisamkeit mit meinem Ich in der Einsamkeit einer Waldnacht suchen und finden,- und an diesem Tag war es soweit gewesen. Ich kannte den Wald, er war nicht weit von meinem Haus entfernt, ich kannte ihn von meinen Spaziergängen bei Tag und hatte darin noch nie Angst empfunden. Die Bäume hatten schützend ihre Äste über mich geneigt, Sträucher und Gräser hatten mir wohlwollend zugelächelt.

-Wie anders bei Nacht-

Mir war kalt,- der Mond blinzelte durchs Geäst, und als ich zu ihm empor blickte, fühlte ich mich wie ein Insekt gefangen im Gewirr eines Spinnennetzes, so viele Äste und Zweige und Wipfel rankten sich über mir. Der Waldboden hatte sich blau-schwarz verfärbt und durch die Stille vernahm ich ein Schwirren und Knacken, das sich mit dem Tosen in meinen Schläfen vermengte. Ich streckte die Arme tastend vor mich und gelangte zu einer Lichtung.

Sanft hing der Mond über mir und begoss diese Wiese mit seinem silbernen Lächeln. Ich kannte auch die Lichtung im taghellen Gelächter der Sonne. Ich legte mich ins feuchte Gras und sah zu, wie die Äste ihre Muster in den Himmel webten. Meine Angst war einem stillen Beobachten und Horchen gewichen. Sanfte Nebelschleier erhoben sich und knipsten das Licht des Mondes aus. Das Blau der Luft ergraute und die Baumkronen neigten sich wie gütige Greise über mich.

„HIER ist keiner.“ Flüsterte ich mir zu und erhob mich. Die Nässe meiner Kleidung hängte sich schwer um meinen Körper. –Seltsam, dass ich das die Nachtstunden über nicht gemerkt hatte.

Schließlich erhob ich mich und machte mich, etwas steif gefroren, auf den Heimweg. Auf der Wiese schillerte der Tau in den ersten Sonnenstrahlen und ich lief durch dieses Diamantenmeer meinem Haus zu, das mich mit ausgebreiteten Armen umfing und umarmte und wärmte.

„HIER bin ICH wieder“, rief ich, stolz und zufrieden über mein Erlebnis.

© Katalin Darthe 24.11.2019