"Ismail!!"

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"Ismail!!" | story.one

Ich war schon in einem „gewissen Alter“, als ich mich durchrang, mir auch so ein Ding zuzulegen. Ich erinnere mich noch, wie ich um diesen Handyshop herum schlich, und mich nicht getraute hinein zu gehen. Ich, mit meinem technischen Unverständnis, meinen zwei „Linken“, meiner Unfähigkeit Erklärungen zu lesen, sie dann auch zu verstehen und anzuwenden. Ich sah Unmengen von jungen Menschen in diesen überfüllten Geschäften verschwinden, und so wartete ich eine Flaute ab und betrat ebenfalls so einen Laden. Ein junger Mann, gebeugt über mindestens sieben zerlegte Handys stand hinter dem Pult, umwoben von einem Kabelwirrwarr, würdigte mich keines Blickes, sondern telefonierte wild gestikulierend in einer mir unverständlichen Sprache. Ich versuchte, auf mich aufmerksam zu machen, räusperte mich, hüstelte, lehnte mich an die Bude,-zwecklos. Langsam spürte ich meinen Mut dahin schwinden. Was tust du hier eigentlich? Wozu brauchst du überhaupt ein Handy? Die letzten 50 Jahre ging es doch auch ohne. Nur weil Hinz und Kunz ein Handy haben, Kreti und Pleti, brauchst du doch nicht auch so einen Schmarrn. Ich wandte mich zum Gehen, nicht ohne eine leise Enttäuschung zu empfinden. Ich war schon bei der Tür angelangt, als der junge Mann in gebrochenem Deutsch-Türkisch hinter mir herfragte, was ich denn wollte. Mein Herz rutschte augenblicklich in Richtung Hose, aber ohne mir etwas anmerken zu lassen, erklärte ich ihm, dass ich ein Handy kaufen wollte. –Natürlich ohne Vertrag, mit Wertkarte. Ich zahlte damals Unsummen für dieses klobige, schwere, aus heutiger Sicht vorsintflutliche Ding, das eine riesige Tastatur, dafür aber ein winziges Display besaß.

Meine Selbstsicherheit schwand von Minute zu Minute, als ich dieses UFO in Händen hielt und mich der Verkäufer mit Worten, wie „Pin-Code“ und „PUK“ und „Sim-Karte“ bombardierte. Kalter Schweiß kroch über meinen Körper, als ich merkte, dass ich das alles weder verstand, noch mir merken konnte. Hinter mir hatte sich eine Traube weiterer Kunden gebildet, was mich noch nervöser machte. „Bitte erklären Sie mir das noch einmal. WAS muss ich da tun?“

„ISMAIL!!“- brüllte daraufhin der junge Mann in den hinteren Teil des Shops und ließ mich ohne weitere Erklärung mit dieser Mordwaffe von Handy stehen. Ismail schälte sich durch den Perlvorhang. „Was Problem?“ Ich sah ihn so verzweifelt an, dass er sofort wusste, was zu tun war. Hingebungsvoll, halb türkisch, halb deutsch erklärte und erklärte er, bis ich nach eineinhalb Stunden den Shop so einigermaßen beruhigt verlassen konnte.

In der ersten Zeit besuchte ich Ismail so 3-4 Mal in der Woche mit Unklarheiten oder Problemen. Wenn ich den Laden betrat, brüllte der junge Mann schon automatisch sein „ISMAIL!!“ und kurz darauf stand mein Retter vor mir. Mit der Zeit wurden meine Besuche seltener.Ich hatte dieses Ding durchschaut.

Heute besitze ich ein modernes Handy mit Vertrag und kann es aus meinem Leben nicht mehr wegdenken.

Danke Ismail!

© Katalin Darthe 01.12.2019