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Nein, lieber doch nicht...

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Nein, lieber doch nicht... | story.one

Er geht auf der anderen Straßenseite. Ich sehe ihn heute, ich sah ihn gestern, ich werde ihn morgen sehen. Er fällt auf. Ich will nicht hinsehen, blicke verstohlen zu ihm hinüber, wende den Blick sofort wieder ab.

Ist es seine Andersartigkeit, die mir Angst macht? Oder seine Unberechenbarkeit? Andersgeartetes lässt sich nicht berechnen.

Auch ich habe einen kurzen Abschnitt meines Lebens gehinkt. Eine Zehe war es, eine verkrümmte, die schmerzte und mich 2 Wochen lang hinken ließ. Ich fühlte mich von aller Welt beobachtet und ausgeschlossen.

–Er hinkt sein Leben lang. Ich sah ihn schon zum Bus hinken, als er noch ein Kind war. Begleitet von seinen Eltern, an meinem Haus vorbei. Ich betrachtete schon damals mit einer Mischung aus Entsetzen und Mitleid sein grobes Hinken, das Nachschleifen des rechten Fußes und die schweren, orthopädischen Schuhe, die sein Erscheinungsbild prägten.

– Seine eigenartige Kleidung fiel mir auf. Er trug keine Jeans, wie andere in seinem Alter. Nein er ging zwischen seinen alten Eltern und war gekleidet, wie sie. Ein dunkles Sakko, eine viel zu weite Hose mit Bügelfalten und sein schlurfender Schritt. Ein unförmiges Gesicht mit einer viel zu großen, schiefen Nase und eine hängende Unterlippe. So gingen sie jeden Tag vorbei an meinem Fenster zum Bus.

–Eines Tages gab es den Vater nicht mehr und er hinkte mit seiner alten Mutter zur Busstation. Eines Tages gab es auch die Mutter nicht mehr.

Er war älter geworden, dicker, behäbiger. Ich sah ihn und meine Fragen und Ängste schlichen hinter ihm her. Wer war er? Woher kam und wohin ging er?

–Auf dem Spielplatz sah ich ihn. Sah ihn, Kinder ansprechen, sah seine verzweifelten Versuche Kontakte zu finden. Sah, wie die Kinder „hinkendes Nachlaufen“ spielten, sobald er verschwunden war.

Ich frage mich, wie es sein muss, wenn man sein Schicksal nie vergessen kann, weil es hinter einem her schleift, bei jedem Schritt. Ich frage mich, warum Hässlichkeit so einsam macht?

Manchmal überlege ich mir, ihn anzusprechen. Mit ihm auf der Parkbank zu sitzen, und ihm zuzuhören.

–Und im nächsten Augenblick weiß ich, dass ich es nicht tun werde.

Nein,- lieber doch nicht, denke ich mir, während ich ihm verstohlen nachblicke, wie er zum Bus hinkt, an meinem Haus vorbei….

Inzwischen sind sehr viele Jahre vergangen. Ich sehe ihn nicht mehr, obwohl ich ihn heute vielleicht ansprechen würde.

© Katalin Darthe 17.10.2019

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