Reich beschenkt

Die Farbe ist noch rot,- tiefrot. Vielleicht noch tiefer und noch röter, sie ist ja auch schon sehr, sehr alt, diese Rose. Gepflückt hast du sie mir vor so vielen Jahren, hast dich an den Dornen zerkratzt, hast es aber für mich getan, und ich habe sie noch immer, diese Rosen, aufgehoben seit fast fünfzig Jahren. Gibt es viele Rosen, die schon so alt sind? Fünfzig Jahre alte, rote Rosen?

Ich habe sie auch in weiß und in gelb und in rosa. Denn bei jedem unserer Spaziergänge hast du mir eine gepflückt oder abgerissen und ich habe sie aufgehoben über all die Jahre. Jede einzelne, so wie ich auch unsere Spaziergänge aufbewahrt habe in meiner Erinnerung und in meinem Herzen. Und spazieren gegangen sind wir sehr viel und sehr oft. Etwas Anderes konnten wir uns nicht leisten. Ich war arm und du warst noch viel ärmer.

Aber die Rosen, die vielen, die habe ich doch immer von dir bekommen. Im Frühling und im Sommer, wenn sie geblüht haben. Im Herbst hast du mir dann Blätter geschenkt. Schöne, bunte Blätter,- und auch die habe ich noch, getrocknet und eingeklebt in meine Tagebücher. So wichtig waren mir diese, deine Geschenke, jedes wollte ich aufbewahren, konservieren für meine Ewigkeit.

Ich betrachte die bunten Rosenblätter. Vergilbt sind viele, ihre Farben kann man nur mehr erahnen. Wenn man zu viel daran ankommt, zerfallen sie zu Staub. Doch ich hüte sie, wie einen Schatz,- immer noch, so wie ich meine Erinnerungen hüte.

An dich,- meine erste "große Liebe" vor fünfzig Jahren.

Auch die Erinnerung an dich und mich in diesem riesigen, duftenden Blätterhaufen unter "unserem" Baum. Rote, gelbe, braune Blätter, die weicher und wärmer waren, als das teuerste Himmelbett. Wir spürten sie nicht, die nächtliche Herbstkälte, wir rochen nur den warm-modrigen Duft unseres Lagers, sahen den schützenden Baum über uns mit seinen schwarzen Ästen und Zweigen und redeten die Sterne vom Himmel herunter. Stundenlang. Wir küssten und wir streichelten einander, und dann schenktest du mir ein Blatt, bevor ich heimgehen musste.

Und ich fühlte mich so reich beschenkt von dir.

© Katalin Darthe