Tagebuch-Schreiben

Ich bin 17, sitze im Gras beim Donaukanal in Wien und krümme mich vor Liebeskummer. Die Tränen rinnen und rinnen, die Nase ist völlig verrotzt, ich habe wieder einmal kein Taschentuch dabei, und weine Tränen und Schmerz und alles Sonstige in meinen Ärmel. –Er liebt mich vielleicht nicht mehr, und das tut unendlich weh. Ich schluchze und schluchze und es ist mir egal, ob mich jemand sieht,- nur in Ruhe sollen sie mich lassen, alle, und ganz besonders ER. Ich habe mein Tagebuch dabei und schmiere mir in riesigen, hingefetzten Buchstaben meinen Schmerz von der Seele. Was für ein Arsch er ist und dass ich ihn nie wieder sehen will, dass mein Herz aber nach ihm schreit und ich diese Trennung überhaupt nicht aushalte.

Unmerklich ist mein Schluchzen während des Schreibens weniger geworden. In schwierigen Situationen habe ich seit meinem 12. Lebensjahr Tagebuch geschrieben. In der Gewissheit, dass da nie, nie jemand hinein schaut, habe ich mir alles Gute und Wenigergute von der Seele geschrieben. Auf manchen Rückseiten fiel das Schreiben schwer, weil auf den Vorderseiten unverzichtbar wichtige Dinge eingeklebt waren. Ein Kaugummi, den ER gekaut hatte, bevor er mich küsste, eine halbverfaulte Rose, ein uraltes Soletti, in zahllosen Schichten Tixo haltbar gemacht, das mir irgendein Schwarm in der Schule überreicht hatte. –Manche Tagebücher waren so aufgequollen, dass ich sie zubinden musste, weil das vorhandene Schloss es nicht mehr zu bändigen vermochte.

Dieses Tagebuchschreiben sollte mein Leben begleiten. Jede Glückseligkeit, sowie jede Verletzung hielt ich in meinen mittlerweile 35 Tagebüchern fest. Dieses zügellos ungehemmte Drauf-los-schreiben ist wie ein Ordnungmachen in der Seele. Zuerst ein Fortschwemmen des Unrates und dann ein immer feineres Suchen nach Lösungen und Wegen.

Mit vollgeschnieftem Ärmel sitze ich also am Ufer des Donaukanals im Gras und schreibe. Vielleicht ist er doch nicht so ein Arsch? Vielleicht trage auch ich einen winzigen Anteil an der Ursache in mir? Nach etwa zehn Seiten bin ich so weit. Ich hätte nicht so reagieren müssen. Nach drei weiteren Seiten schreibe ich ihm einen Brief. Darüber werden wir morgen dann sprechen,- ruhig und sachlich. Und eine Trennung? Wer spricht von Trennung? Nein, so etwas kommt überhaupt nicht in Frage.

Ich habe mich beruhigt, blättere in meinem Tagebuch. Eine Haarsträhne fällt heraus. Die werde ich zu Hause ordentlich einkleben. Und eine Hagebutte. Ach ja, die letzte Spaziergang-Rose hatte eine Hagebutte…

Ich stehe auf, schlendere ruhig und getröstet nach Hause.

Vielleicht ruft er ja heute noch an?

© Katalin Darthe