Und wo ist der Apfelsaft?

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Und wo ist der Apfelsaft? | story.one

Es ist schon lange her, aber die Erinnerung daran ist da und frisch, als sei es gestern passiert und nicht vor etwa fünfundzwanzig Jahren…

Meine inzwischen verstorbene, damals beste Freundin Dorli und ich beschlossen ein Schreibwochenende in der Natur zu verbringen und suchten dazu eine Almhütte am „Hochbärneck“ in der Nähe der Ötschergräben dafür aus.

Traumhaftes Wetter, traumhafte Kulisse,- es war so schön dort. Wir setzten uns mitten in eine Wiese und schrieben, wir kuschelten uns an Baumstämme und schrieben, wir lauschten dem Plätschern eines Bächleins, und schrieben.

Neben der Almhütte befand sich eine riesengroße, mit Stacheldraht eingezäunte Weide für Kühe. Die großen, friedlichen Tiere grasten und es war schön, ihnen zuzuschauen.

Hin und wieder kamen Wanderer vorbei, gönnten sich eine Jause und setzten dann ihren Weg fort.

Von einem unserer Schreib-Events durstig geworden, wollte ich uns eine Flasche Apfelsaft holen.

Es gab nun die Möglichkeit um die große Weide herum zu gehen, oder- ja oder- die Abkürzung mitten durch die Weide zu nehmen. Ich hatte die Kühe lange genug beobachtet,- sie sahen so nett und friedlich aus. Also entschloss ich mich für die Abkürzung. Beim Hinweg ging alles gut. Keine würdigte mich eines Blickes, ich ging flotten Schrittes durch die Wiese, öffnete den Schranken und gelangte zum Haus.

Der Rückweg sollte nicht so harmonisch verlaufen. Ich war mit meiner Flasche gerade im ersten Drittel angelangt, als ein immer lauter werdendes Gemuhe mich beunruhigte. Und schon setzten sich die ersten Tiere in Bewegung. Ich beschleunigte mein Tempo und sah, wie die Kühe sich erst langsam, dann immer schneller in Bewegung setzten. Von allen Richtungen liefen sie auf mich zu. Panisch begann ich zu laufen. Es fühlte sich an, als klebten meine Füße am Boden fest,- wie in einem Traum, in dem man rennen will, es aber nicht kann. Ich hatte ein Gefühl, mich wie in Zeitlupe zu bewegen. Irgendwo erblickte ich endlich einen Stacheldraht,- das rettende Ende dieser Weide. Mit letzter Kraft rannte ich darauf zu, dicht gefolgt von muhenden Kühen und schmiss mich durch diesen Zaun ins Gestrüpp dahinter.

Blutig, zerschunden, zerkratzt, verschwitzt und völlig außer Atem tauchte ich bei unserem Schreibplätzchen bei der wartenden Dorli auf.

„Was ist denn passiert? Bist du unterwegs überfallen worden?“ fragte sie, als sie mich sah. „Und wo ist der Apfelsaft?“

© Katalin Darthe 08.03.2020