Plateau

Schwarz sind sie,- knautschiges, schwarzes Lackleder,- oder auch nicht Leder. Mit 17 ist es noch völlig egal, ob Leder oder Plastik,- pickiges, schwarzes Plastik, das sich stinkend an die Zehen klebt, wenn man keine Strumpfhose darunter trägt. Und Strumpfhose kann man keine tragen, weil dann rutschen sie am Fuß hin und her, diese schwarzen Lackschuhe, die so schwer sind, dass man den Fuß kaum heben kann. Also doch lieber ohne Strumpfhose, weil dann kleben sie und man kann wenigstens kurze Strecken darin gehen.

Eine rote Plateausohle haben sie. Schwerer, roter Gummi. Bei jedem Versuch zu gehen, biegt sich der rund 20cm hohe Absatz so sehr nach hinten, dass die gesamte Schuhkonstruktion zu zerbersten droht. Und endlich, nach tagelangem, sehnsüchtigen Bewundern hinter den Auslagenscheiben eines damals flippig-trendigen Schuhgeschäftes gehören sie mir, diese Albtraum-Traumschuhe aus schwarzem Lack mit knallroter, etwa 20cm hoher Plateausohle. Ein Riemchen um die Ferse gibt es auch, das ohne Strumpfhose entsetzlich reibt und mit Strumpfhose das Gewicht der Schuhe nicht am Fuß zu halten vermag.

Ich gehe im elterlichen Wohnzimmer mit den Schuhen auf und ab. Nein, ich gehe nicht, vielmehr balanciere ich wie ein Hochseilartist ohne Netz auf dem Teppich hin und her. „Wenn du umkippst!“, sagt meine Mutter und schlägt die Hände zusammen. „Ich kippe nicht um!“,sage ich. Dazu gehe ich auch viel zu vorsichtig. „Und für die Füße ist das gar nicht gut!“-Ich glaube, sie würde mich am liebsten noch in den „festen Schnürschuhen“ meiner Kindheit sehen. Wir haben uns nicht einigen können, an diesem Abend, aber ich freue mich schon auf Samstag, wo ich diese Schuhe zum Tanzen anziehen werde.

Wir schleppen uns zum Tanzlokal. Ganz stimmt das nicht. Dany schleppt sich nicht. Er geht. Unbeschwert, automatisch. Ich beginne ihn zu beneiden. Ich gehe bewusst,das heißt, ich spüre jeden Schritt. Meine Fußballen brennen wie Feuer. Das Riemchen um die Fersen frisst erste Blasen in mein Fleisch. Das Gewicht der Schuhe schmerzt die Waden hinauf und hinunter. Bei jedem Schritt biegt sich der Absatz gefährlich nach hinten und schnalzt beim Heben der Füße wieder in seine Position zurück. Mit Schaudern denke ich, dass wir erst am Hinweg sind, während ich locker-flockig mit Dany plaudere. Um nichts in der Welt würde ich mein schmerzvolles Geheimnis preisgeben.

Ich habe getanzt n diesem Abend, in dieser Nacht. Irgendwann ist der Schmerz so stark, dass man ihn nicht mehr spürt,- zumindest mit 17!

Heimgegangen bin ich damals barfuß. Vom 7. Bezirk bis zum 9. Bezirk, die Schuhe in der Hand. Es war mir egal, was Dany gesagt hat, und meine Mutter hat eh schon geschlafen, als ich heimkam. Vielleicht hat sie sich gewundert, dass ich die Schuhe nie wieder angezogen habe. Ich glaube eher, sie hat es verstanden, sich aber gehütet, etwas darüber zu sagen.

Wo die Schuhe heute sind? Ich weiß es nicht mehr. Irgendwann fanden sie wohl ihren Weg in den Müll.

-Eigentlich schade drum!

© Katalin