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Dankbarkeit

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Es war im Februar. Ich bin ich durchs Wiental geradelt. Am Weg ins Spital. Es war sonnig, blasse Wintersonne, und kalt. Selten scheint die Sonne in Wien zu dieser Jahreszeit, dieses blasse Licht, die Kälte im Gesicht... Ich habe den Blick gehoben, in den Himmel geschaut.

Wir vergessen in den Himmel zu schauen, im Alltag, der Satz stammt von einer Freundin.

Der Weg durch das Wiental in die Stadt hinein führt genau nach Osten, in der Früh der Sonne entgegen mit dem Wind im Rücken. Das irische Segenslied ist mir eingefallen:

Möge die Straße...

...und der Wind in deinem Rücken sein

sanft falle Regen... (oder vereinzelt Schneeflocken)

und in dein Gesicht der Sonnenschein...

Und dann waren da die Möwen.

Für mich sind Möwen die Vögel des Meeres, die die Schiffe begleiten, die in den Hafenstädten und an den einsamen Stränden ihre Kreise ziehen. Meister der Lüfte, über dem Meer.

Die Möwe Jonathan, Urbild der Flugkunst, die die Grenze überschreitet und das Jenseits ins Diesseits holt. Irgendwann war es mein Lieblingsbuch – das ist schon lange her. Später habe ich einmal dieses Buch erzählt, wir saßen auf einem Segelschiff, es war harter Wind, alle Kinder waren an Deck, halbwüchsig bereits, die Freunde auch dabei, Möwen sind um das Schiff geflogen, ich habe erzählt, und alle haben still zugehört, der Pubertät trotzend, einer dieser magischen Momente im Leben, die sich einbrennen.

Wenn ich mich freue, dann lache ich.

Und die Möwen kreischen und kreisen über dem Fluss. Im Wiental gibt es Möwen. Viele sind es. Wieso sind sie mir vorher nie aufgefallen?

Ich liebe auch das Gurren der Tauben, die Vögel meiner Kindheit im Gemeindebau. Auch Tauben waren da.

Aber die Möwen sind die Vögel der Freiheit, und mein Herz war offen, damals. Wintersonne, blasses Licht, kreisende Möwen, gurrende Tauben, den Wind im Rücken, am Weg zu meiner Arbeit. Ein Blick in den Himmel. Dankbarkeit, warum vergesse ich das immer wieder....

Wenige Wochen danach kam der Lockdown. Und im Wiental waren keine Möwen mehr. Trotzdem, immer wieder habe ich am Weg ins Spital in den Himmel geschaut. Ein guter Blick. Um die Dankbarkeit nicht zu vergessen.

© Katharina Johanna 2020-11-21

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