Der soziale Winterschlaf im Bau

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Der soziale Winterschlaf im Bau | story.one

Es ist wieder soweit. >> Aber, warum ist das so? << fragt mich eine Nachbarin, die ich selten, wenn ich so schnell darüber nachdenke, weder an warmen Frühlingstagen noch an klirrend, heißen Sommertagen in unserem Bau sehe.

Bau - ein Wort, dass die Mutter eines befreundeten Kindergarten Kommilitonen meiner jüngsten Tochter geprägt hat, die einmal bei uns zu Besuch war. In dem Moment als dieses Wort, diese Zuschreibung an eine einfache, charmlose und kalte Gebäudestruktur, aus Ihrem Mund stolperte, türmte sich in mir ein inverser Tornado der Rebellion auf. Ob nun mein Mann das erste, sanfte, aber bestimmte Anrauschen dieses Sturmes erkannte oder ob er dieser Zuschreibung einfach gekonnt humoristisch entgegentrat, um seinen Schmerz nicht zu zeigen, bleibt mir bis heute unklar.

Herzzerreißend lachend, schaute er die Mutter an, wiederholte mit einem konstatierenden Unterton Ihr Wort und verpackte es in eine Frage, der man das Fragende auch hätte absprechen können: >> Hast Du gehört, wie Sie unsere Anlage genannt hat? <<. Ich bewunderte seinen Humor, der zum exakt richtigen Zeitpunkt, sowohl meinen aufkommenden Tornado durch Ablenkung bändigte als auch seine Empörung ausdrückte. Die Art und Weise, in der er seinem Gegenüber eine Möglichkeit der Umkehr, der Abschwächung oder auch der Entschuldigung ermöglichte, faszinierte mich.

Ich fragte mich nun nicht nur mehr, warum diese Frau unsere Anlage einen Bau nannte. Eine Anlage, die mehr einer Ferienwohnanlage gleicht. Eine Anlage, die für Menschen errichtet wurde, die das Landflair mit der Stadtnähe und dem entsprechenden Kleingeld verbinden wollen und können. Eine Anlage, die auch ein kleines gallischen Dorf sein könnte. In der an Tagen, an denen es weder regnet noch schneit, die Kinder und von denen gibt es mittlerweile 20 über alle Wege flitzen. Eine Anlage, in der die Kinder noch Kinder sein können, da geschlossen nach außen und offen nach innen. In der, die Kinder unbeobachtet, aber nicht unbehütet Ihre kleinen Schabernacke treiben dürfen. In der, in den kleinen Gärten nach Spielgefährten gelugt wird, lautstark gestritten und der kleine Spielplatz von allen Altersgruppen besiedelt und bespielt wird. In einer Anlage, in der Knie aufgeschunden werden, in der gelacht, geheult und manchmal gerauft wird. In der, viele immer ein Auge auf die Kinder der anderen werfen und trotzdem die Türklingeln vor dem Eintreten benutzt werden. All das, dieses beinahe unbeschwerte Leben, nannte diese Frau, einen Bau.

Ich wusste meinen Ärger zu verorten, aber die Frage, wo sich mein Humor versteckt hatte und meine Ressourcen waren, diese Situation des Übergriffs anders aufzulösen, blieb stehen. Lernfelder braucht´s doch.

>> Aber, warum ist das so? << fragte mich meine Nachbarin Ende Oktober. Der erste Regen und der dichte Nebel vertreiben jedes Jahr diese kindliche Lebendigkeit aus unserer Anlage. >> Ja >>, dachte ich >> Und, die Anlage wird zum Bau. <<

© Katharina Sigl 19.10.2019