Geschenkte Zeit

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Geschenkte Zeit | story.one

Bertas Alltag ist immer hektisch. In regelmäßigen Abständen fragt sie sich, wie sie diesem Dauerstress entkommen kann. Wie Sie das Frühstück zubereiten, den Geschirrspüler ausräumen, das Kind wecken, das Geschirr wegräumen, das Kind zum Anziehen bewegen - möglichst wetterentsprechend, wie sie nach dem Duschen und dem eigenen Anziehen und dem noch schnell die Betten machen, wie sie diesem Wahnsinn entkommen kann. Aber so richtig erfolgreich war sie noch nicht, beim Entkommen, gar nicht genau genommen.

Wie in einer Dauerschleife findet sie sich nach all den morgendlichen Geschäftigkeiten im Auto Richtung Büro und sehnt sich nach einem erlösenden Anruf. "Du wir werden evakuiert, komm heute nicht ins Büro." Das wäre der erlösende Satz. Berta würde sofort umdrehen und schnurstracks nach Hause fahren.

Zu Hause angekommen würde sie Ihr Business Kleid mit ihrer eingerissenen Lieblings Jean ersetzen, in das labbrige T-Shirt schlüpfen und ganz in Ruhe in den Tag starten. Die geschenkte Zeit mit einem Kaffee preisen, eifrig die Bohnen mahlen, die Espressomaschine aufsetzen und auf den Duft des Kaffees sehnlichst warten. Mit der Tasse in der Hand würde sie in ihrem Wohnzimmer ein paar Runden drehen, am Esstisch vorbei staksen, den Kachelofen umrunden, um dann wieder in der Küche zu anzukommen. Würde die Enge des Raumes entdecken, die Kompaktheit ihres Lebens, dieses All-in spüren. Diesen Maßanzügen von der Stange.

"All-in", würde Sie denken, scheint nicht nur in der Wirtschaft, im Verhandeln von Lohn und Arbeit angekommen sein, auch in der Architektur macht sich dieses eher junge Konzept für modernes Wohnen seit einigen Jahren immer breiter. Weitet sich epidemisch aus. "Beengte Weite und eine schier unerträgliche Konzentration auf das Wesentliche", das würde sie spüren. All-in: 45 Stunden pro Woche, 0-24 Uhr Erreichbarkeit und keine Auszahlung von Überstunden. All-in: Küche, Speisezimmer und Wohnzimmer, kein Quadratmeter bleibt ungenutzt. Ja, das würde sie fühlen. All-in für alles, was am teuersten - Mensch und Raum.

Nostalgisch würden Bertas Gedanken in die Wohnung ihrer Kindheit schwelgen. An die Küche, die ein eigener Raum und der beherzte Ort der Wohnung war denken, würde im Speisezimmer Platz nehmen und wie früher in Jugendtagen, wenn sie allein zu Hause war, von Raum zu Raum ziehen. Im Vorraum, auf erste Begegnungen warten, dann den Flur, der das schmale Flair eines Geheimganges innehatte, entlang schreiten, die letzte Türe öffnen und in ihr Kabinett eintreten. Dem Gurren der Tauben lauschen. Sinnliche Vertrautheit würde sich breit machen. Würde die Höhe der Räume betrachten, wie ein Kind einen Riesen. Würde den sanften Wind auf ihrer Haut spüren, wie er von Nord nach Süd, der aufgestauten Hitze des Tages den Garaus macht. Würde nach langer Zeit eine Weite und Freiheit spüren, wie schon viele Jahre nicht mehr.

Würde dem würde Zeit schenken, den Gedanken Raum geben und umdrehen - schnurstracks.

© Katharina Sigl 26.05.2019