Ausgebrannt? Ich doch nicht!

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Ausgebrannt? Ich doch nicht! | story.one

Wieso heule ich jetzt? Ich sitze im Auto am Heimweg vom Büro. Den ganzen Nachmittag hatte ich schon diesen Druck in den Augen gespürt und kaum fahre ich vom Parkplatz weg, laufen die Tränen über mein Gesicht. Kein Gefühl dazu, keine Gedanken dazu. Nur Tränen.

"Was ist denn los mit dir?" fragt meine Kollegin mich besorgt. "Du heulst seit drei Tagen durch. Ist was passiert?" Natürlich ist irgendetwas passiert. Bloß weiß ich nicht, was! Seit ich montags von der Arbeit heimgefahren bin, höre ich nicht mehr auf. Das ist doch nicht normal!

"Sie stecken mitten in einem Burnout. Ich schreibe Sie krank." Ich lache den Arzt aus. So ein Blödsinn! Burnout ist erfundener Quatsch für Leute, die ihr Leben nicht im Griff haben. ICH habe mein Leben im Griff! Das musst du auch als Alleinerziehende mit einem Vollzeitjob. Ich und Burnout?! Niemals. Ich fahr wieder ins Büro, ohne Krankschreibung.

Verzweifelt und mit Tränen in den Augen sitze ich am Boden, der leere Einkaufswagen vor mir. An die Tränen der letzten 10 Tage habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Wieso haben die hier so viel Obst?! Und das viele Gemüse?! Wie soll man sich da entscheiden können?! Ich kann nicht mehr, ich muss hier raus!

Verwirrt liege ich auf meiner Couch. Eben saß ich doch mit meiner Freundin noch beim Frühschoppen?! Wir haben geplaudert, es war gemütlich und...ich weiß nicht mehr, was danach passiert ist.

Fassungslos sitze ich im Auto. Wie bin ich hier her gekommen? Bin ich selbst gefahren?! Warum kann ich mich nicht ans Fahren erinnern?

"Ich war vor zwei Wochen schon da. Ich glaub, irgendetwas stimmt nicht mit mir." Nun lasse ich mich doch krankschreiben.

Mein Körper zeigte mir mit den vielen Tränen, dass er müde war. Ich ignorierte sie. So nahm er mir mein Erinnerungsvermögen durch "Blackouts" und hat mich wachgerüttelt: Ich bin Mama! Wie soll ich für meinen kleinen Junge da sein, wenn es mir nicht gut geht? Die kleinen alltäglichen Aufgaben entpuppten sich als beinahe unüberwindbare Herausforderungen. Für zehn Monate lenkte ich kein Auto mehr. Tabletten stabilisierten in der ersten Zeit mein Gefühlschaos. Die wöchentlichen Termine bei der Gesprächstherapeutin gaben mir Halt. Ebenso wie die Gespräche mit den wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Ausgebrannt. Es dauerte fast zwei Jahre, bis mein Feuer wieder da war. Und ja - im Nachhinein betrachtet, war es das Beste, das mir passieren konnte! Denn nur deshalb bin ich heute die, die ich bin. Nur deshalb lebe ich heute dieses grandiose Leben - MEIN Leben :)

© Katharina Tröstl