Daumen hoch für meinen Daumen

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Daumen hoch für meinen Daumen | story.one

Ihr kennt das: man sitzt da, möchte schreiben, doch es klappt nicht. Gedankenleere, minutenlanges Starren auf das leere Blatt Papier. Ich sitze am Balkon, endlich entsprechen die Temperaturen halbwegs der aktuellen Jahreszeit. Stille, allein durch lautes Vogelgezwitscher unterbrochene Stille, im Kopf. Der Bleistift in meiner Hand - oder am Boden, wenn er beim Drehen zwischen den Fingern zum dritten Mal unter den Tisch fällt. Die Wäsche, die noch gemacht werden müsste und der Abwasch, der sich nicht von alleine erledigt. Nein, ich möchte jetzt schreiben! Gedankenblitze, die vorbeihuschen. Ideen, die sich wieder verflüchtigen. Abwarten. Ich hol mir noch eine Tasse Tee.

Daumen. Daumen? Ja, oder Sommersprossen. Und weißt du noch die Geschichte mit dem Orthopäden damals? Ach komm, das interessiert doch keinen. Naja, wenn dem so ist, müssen sie es ja nicht lesen. Ich mag meine Stimme(n) im Kopf. Und die inspirierenden Gespräche mit ihnen. Während sie mich in diesen Minuten des meditationsähnlichen Starrens ins Nichts einerseits vom Schreiben ablenken, animieren sie gleichzeitig meine rechte Hand dazu, den Stift über den karierten Schreibblock gleiten zu lassen. Gekritzel, rund um das Logo, das in der rechten oberen Ecke des Werbegeschenks platziert ist. Und dann - das erste Wort: Schreibblockade.

Ihr kennt das: man sitzt da, möchte schreiben, doch es klappt nicht. Bis zu dem Moment, in dem man einfach damit beginnt.

Während des Schreibens betrachte ich meinen rechten Daumen. Er sieht anders aus als der linke. Jahrelang hatte ich versucht, ihn deshalb zu verstecken. Wie sehr schämte ich mich für ihn! Irgendwann googelte ich dieses "zwei verschiedene Daumen-Syndrom". Brachydaktylie ist die medizinische Bezeichnung dafür. "Papa-Daumen" und "Mama-Daumen" nenne ich es. Wer kann schon von sich behaupten, einen Daumen von seinem Vater und den anderen von seiner Mutter zu haben? Tja, ICH kann das! Gemocht habe ich ihn früher trotzdem nicht.

In einem Buch las ich dann vor einigen Jahren, du darfst ALLES an deinem Körper lieben. Das war der Moment, als mir mein Daumen plötzlich leid tat. Handmodel würde ich mit ihm wohl nie werden können. Aber das kann Megan Fox auch nicht. Daher beschloss ich, ihm eine andere Aufgabe zu übertragen und ernannte ihn kurzerhand zu meinem persönlichen "Grünen Daumen". Möglich, dass ich mir das heute nur einbilde, doch meine Pflanzen fühlen sich seit diesem Zeitpunkt in meiner Wohnung wohler, als jemals zuvor. Plötzlich war da jemand, der sich um sie kümmerte - und mein Daumen hatte jemanden, der ihn dafür liebte: mich. Außerdem sind Menschen mit dieser Fehlbildung angeblich besonders kreativ. Daumen hoch! Das kann ich nur bestätigen.

Was es nun mit den 2500 Sommersprossen auf sich hat und warum mir Aschenputtel lieber ist, als der Orthopäde von damals?

Sorry, Schreibblockade :-)

© Katharina Tröstl 26.05.2019