Keine Angst

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Keine Angst | story.one

"Geh weg." Mein knapp dreijähriger Sohn steht zwei Meter von mir entfernt bei der Couch und ist vertieft in sein Puzzle. Ich koche. "Wieso soll ich weggehen?" frage ich ihn. Keine Antwort. Er setzt zum fünften Mal heute sein Lieblingspuzzle zusammen.

Wenige Minuten später wiederholt mein Sohn seine Aussage, nun schon etwas genervter: "Geh weg, ich möchte nicht, dass du mir zuschaust." Mit dem Kochlöffel in der Hand drehe ich mich zu ihm um und frage ihn nochmal, wieso ich weggehen sollte. Stille. Er blickt nicht mal von seinem Puzzle auf und baut weiter. Verwundert rühre ich die Suppe um.

"Mama! Der soll weggehen!" ruft Marcel plötzlich aufgebracht. Ich zucke zusammen, lasse beinahe den heißen Topf mit dem Nudelwasser fallen. "Wer, Marcel?!" frage ich ihn und ohne von seiner Beschäftigung aufzublicken zeigt er mit seiner Hand nach rechts, hin zur Wohnzimmertür, die in den Vorraum hinausführt. Langsam gehe ich zur Couch, wage den Blick nach rechts. Fast bleibt mir das Herz stehen, doch da ist niemand. Erleichterung. Ich wüsste nicht, was ich getan hätte, wäre da jemand gestanden.

"Marcel, da ist niemand." Jetzt legt er sein Puzzleteil zurück in die Schachtel. Sichtlich genervt schaut er zuerst mich und dann die rechte obere Ecke der Wohnzimmertür an. "Doch - da!" Wieder zeigt er zur Tür. Ich sehe nichts. "Er soll weggehen. Ich möchte nicht, dass er mir zuschaut", beschwert sich mein Sohn weiter. Da ich keine Angst in seiner Stimme höre, bin auch ich mutig und gehe hin zur Wohnzimmertür. "Hier?" frage ich. Marcel läuft zu mir und zeigt nochmal mit seiner Hand zu besagter Stelle. "Geh weg," bittet er nochmal mit flehender Stimme, läuft zurück zur Couch und baut sein Puzzle weiter zusammen.

Nun hat er also einen unsichtbaren Freund, mein Sohn - denke ich und kümmere mich weiter ums Mittagessen.

Später am Nachmittag spielt Marcel wieder bei der Couch. Diesmal sitze ich neben ihm und lese ein Buch. "Mama, jetzt ist der schon wieder da!" Ich höre den Ärger in seiner Stimme. Keine Angst. Nur Ärger. Er ist genervt ob des neuerlichen Besuches des Unsichtbaren. "Dann pusten wir ihn weg" schlage ich ihm vor. Ich lege mein Buch zur Seite, hebe Marcel hoch und gehe mit ihm zur Wohnzimmertür. Mein Sohn unterstützt mich tatkräftig dabei, in die rechte obere Ecke zu pusten - wie verrückt und mit voller Kraft, bis wir beide keine Luft mehr haben. Marcel sieht mich an, dann nach oben und wieder zu mir. Er grinst. "Jetzt kann ich in Ruhe spielen."

Auch wenn wir beide keine Angst verspürten, so haben wir doch ein paar Tage später unseren unsichtbaren Besucher im Zuge eines schönen Kerzen-Rituals gemeinsam verabschiedet und gehen lassen.

© Katharina Tröstl 23.06.2019