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#1sommer1buch

Gusti

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Gusti | story.one

Haben gestern Klimts Kuss geklaut. Zu sechst, zu einfach, zu witzig. Es ist schön, gewohnt golden, mag die Formen. Schmiegt sich ans Aug. Spannend wars auch. Ein bisschen nervenaufreibend. Das zweite Bild – dafür hätte es Extrapunkte gegeben – ist leider durch die Lappen gegangen, verdient, aus Zeitnot, und diese bedingt durch gruppendynamischen aber sympathischen Dilettantismus im Rätsel-lösen. Das mysteriöse zweite Bild aber wär wirklich von Interesse gewesen. Nach der eigentlichen Rätselsuche ging also das Rätsel um die missglückte Rätselsuche weiter. Das Warum nicht auch das Zweite? Warum blieb keine Zeit mehr? Eine mögliche Antwort: Auffassung. Verschiedene Auffassungsgaben schaffen, wie mir scheint, die größten Brücken überhaupt. Oder eben Bresl (Achtung, wienerisch). Und damit meine ich keinesfalls bloß auf den Intellekt reduzierte sondern sich vor allem in emotionalen wie sozialen Reaktionen versteckende Auffassungen. Solche also, die das Verständnis über Folgen bestimmter Reaktionen mit-bestimmen. Auffassungsgabe, die Zusammenarbeit funktionieren lässt, die Fähigkeiten, Voraussetzungen wie Möglichkeiten aller berücksichtigen - könnte. Oder eben nicht.

Wenngleich ichs im kleinen Gangster-squad nie gesagt hätte, um nicht zu enttäuschen, glaub ich dass wir eigentlich nicht gewonnen haben. Vielmehr, dass, anders als der Kuss, echtes Ziel das Unbekannte war. Das Unschaubare, Undurchschaubare. Das Ende mit Kuss, eine ungerechtfertigte Belohnung. Klimt soll sich übrigens auch einmal empört haben, ziemlich. Natürlich gings um Kunst. Die hat an sich auch gar nichts mit Geschmack zu tun, meinte er. Heut ist mensch versucht zu erwidern, mir ists eh zweitrangig, die Klimakatastrophe ist auch geschmacksbefreit. Und eher dringlich. Mehr als. Der Relativierung überdrüssig. Ist da und wartet auf Reaktion. Urheberei und Werdegang sind demnach Drittrangig, sind das kleine Täfelchen am Rand, meist rechts unten zu finden. Wesentlich, für diejenigen, die wirklich wissen wollen. Gleichwohl unabhängig vom Bild an sich. Wenn man es denn findet. Oder, mangels Gabe zur Auffassung wie bei unsrem Gangster-squad, halt auch nicht.

Kunst, Wahrheit und Veränderung leben halt nicht von Lippenbekenntnissen. Brauchen aber viel Liebe und, irgendwie, Mut. Vielleicht müssten wir wirklich mal mehr klauen. Mut oder Ideen. Kunstschätze neu definieren. Investieren in Spezies, Boden, in Völker statt Leinwände. Und, versteht mich nicht falsch, Leinwand is eh leiwand. Aber zu welchem Preis und für wen? An der Klimakatastrophe und ihren Implikationen ist nichts rätselhaftes mehr. Schade eigentlich. Andererseits, offenbar sind wir eh nicht so sehr zum Rätsel-lösen geeignet? Scheint, als wären wir einfach für so viel Realismus nicht gemacht. Klimt hängt jetzt übrigens überm Bett. Mag ich. Macht sich gut da. Gutenacht-Kuss.

© Katrin Seifried 2020-07-26

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