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#1sommer1buch

Maskenreich

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Maskenreich | story.one

Ach. Es weltet. Das ist eine der Wortkreationen von Heidegger. Es weltet, gerade ganz viel und umwerfend in mir und hier. Durch und mit Musik, die meiner neuen Mitbewohner, deren Tassen, Tippen, Duschgesänge. Es weltet, Sonnenblumen stehn am Tisch. Musst heut immerzu lächeln, den ganzen Tag. Unter der Maske. Es weltet, in uns und durch Kunstausstellungen, so klein dass, wäre mensch nicht mit so viel Zeit und Entdeckungswillen ausgestattet, man sie übersähe, ja nun dies eigentlich auch die einzig erwartbare Reaktion wär. Apfelmus, so nannten sie die Ausstellung. Apfelmus, die gefüllte Lücke zwischen Sein und Vergehen.

Weißt du, ich habe jetzt endlich eine Maske, die ich gern trag. Nach so langer Zeit. 5€. Eine, die an besondere Künste erinnert, an die Renaissance. Du kennt das Deckenfresko, gefühlt kennens alle. Wahrscheinlich vor allem deshalb, weil man keine Fotos machen darf in der Kapelle. Glauben dann alle, es ist umso wichtiger. Und, es ist ja auch wirklich schön. Diese zwei Hände, die so voreinander schweben, in ewiger Zertrennlichkeit. Abstand, der Sekunden hält und Jahrhunderte überdauert. Abstand, der hängen lässt in unvollendeter Klarheit. Abstand, der Spannung zum Zerreißen hält, in Ewigkeit, Amen. Abstand, die gefüllte Lücke zwischen Sein und Vergehen.

Weniger Beachtung bekommt die Erschaffung Evas, mehr seltsamer als überraschenderweise. Aber, wie so oft, naja, gibt es sie eben doch, die Darstellung. War schon immer da, bloß weniger im Zentrum. Immer da, bloß weniger offenbar. Beinah so nah, das Maskenreich, die Wiedergeburt. Mit der Maske fühl ich mich ein wenig, als wär Italien nicht mehr so fern. Kennst du das, wenn man sich angekommen fühlt? Und, kennst du das Lied 'Unter den Masken'? Da funkeln die Sterne, heißt es. Pier Matteo d’Amelia,den gabs damals auch, er malte den Sternenhimmel ins Gewölbe.

Abstand halten, ruft jemand in Erinnerung, in meiner. Abstand halten, gefälligst. Hat keine Ahnung hatte über Beziehungskonstellationen. Hauptsache anpöbeln und belehren wollen. Grad noch, dass er sich das Luder verkniffen hat. Wir nannten ihn daraufhin Egon den Bierbäuchigen, gingen hoch erhobenen Hauptes davon und damit wars nur mehr halb so angriffig, dennoch nicht halb so wild. Es weltet, manchmal halt eben nicht in Ottakring. Life doesn't work but we laugh. Nevertheless. We laugh. Denn, unter den Masken, da leuchten die Sterne.

Es weltet, wir sind zu zweit und tragen Masken heut Nacht. Nicht was du jetzt denkst. Weniger verwegen, mehr chillig. Kaffeesud ist übrig geblieben und hat ne gute Konsistenz. Ergo, Maskenzeit. Jetzt sehen wir jünger aus und schöner, aus dem göttlichen Urknallsei gepellt wie Adam und Eva, nur irgendwie weniger hetero. Maskenzeit ist, wo du bist. Maskenreich ist, was wir sind. Unversteckt, unentdeckt. Und gern in Italien.

© Katrin Seifried 2020-09-02

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