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#1sommer1buch

Sea what happens

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Sea what happens | story.one

Musste heute schon wieder von Hunderten Toden hören. Im Radio. Im Wasser. Im Ernst. Das Millionensterben – eine Millionenshow. So bitter, so unsäglich halszuschnürend, als das man wünsche man besäße keinen um zu entkommen, dort wie da.

Dein Herz, es gibt eines, ohne Unterlass versorgt es deinen Geist mit Reiz aber deine Nerven fühlen nichts Eindrückliches mehr, bloß inneres Brummen, ein Schmerzen, eine Stimme die längst anderes spricht, kurz aufmerksam, jetzt ist es das Wetter und damit ist klar dass es keinen Halt mehr geben kann, HABT IHR NICHT ZUGEHÖRT, dagegen, allein in deiner kleinen Küche, das Radio an, anklagend, weil der Schmerz so überwältigend und woher denn auch wissen wie damit umgehen und du SCHREIST weil die Sprache nicht reicht und es wird eisig und LAUT und rauscht und du hörst die ewig laute Radiostimme, SCHRILL, beachtlich, das heißt, nein eigentlich das genaue Gegenteil, normal, so normal, viel zu normal DAS IST KEINE NORMALITÄT das ist kein Zustand der Ordnung des Schönen des Guten wo ist die Hilfe wo ist Leben wo hört der Schmerz auf ich KENNE DIE nicht und wollte es nie aber darum geht es doch nicht, ich WILL nicht das so etwas passiert es ist niedrig, unwürdig aller Existenzberechtigung ich WILL nicht sein in einer Welt die das zulässt WARUM hilft denn niemand WARUM sagt denn niemand was das wirklich heißt WO bleibt UNSERE Konsequenz, liegen, wie du, am Tisch, wie sie, am Meeresgrund, alles schreit nach ETWAS aber WAS ist das und WO streife ich diese Ohnmacht ab was ich gerade will ist Allmacht ich will das stoppen ich will das es aufhört lasst es aufhören lasst es nicht mehr sprechen mich nicht mehr hören, ich will Kerzen für die Toten und meine Ohren bis das Wachs alle Gehörgänge verschlossen hat über die Augen geronnen die Wimpern verklebt und mir nie wieder offenbar wird wie die Welt eigentlich ist. Ich schreie und schreie und schreie. Und es bleibt still, wie es immer schon war wenn ich schreie. In meiner Sprachlosigkeit findet sich nur Lärm. Mit mir selbst mitfühlend sollte ich mich aufheben, zumindest die Hand denn die ist verlegen und tut langsam weh, aber kann es nicht.

Nach Statista 2020 sind in den vergangenen 5 Jahren geschätzt 16.859 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Man darf also mit der doppelten Zahl rechnen. Und - ich erschrecke selbst bei dem Gedanken - ob die Überlebenden letztlich wirklich die Glücklichen sind, stellt sich gerade heraus. Und alles ist jetzt.

Zieht dich Welle und Kleidung hinab, aus der Tiefe aus der du dich heraufgestrampelt hast, vom ersten eigenen Atem und ab da ein Leben lang, hinab und nach so viel Zeit ist in einer Sekunde, beinhaltend die Abertausenden, alles weg und das Du, ehemals verkrampft, zerrauft, zerläuft, die Hände und Haare in langsamer Auflösung bestimmt.

Grad spielts "Ich wünsch dir noch 'n geiles Leben" im Radio. Wie halten wir das eigentlich alle aus? Die Frau vom Redebeitrag hört man immerhin nicht mehr. Längst nicht mehr. Immerhin. Mit knallharten Champagnerfeten.

© Katrin Seifried 2020-07-17

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