Aufbruch

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Aufbruch | story.one

„Meine Seele spürt, dass wir am Tore tasten. Und sie fragt dich im Rasten: Hast Du mich hergeführt? Und Du lächelst darauf so herrlich und heiter und: bald wandern wir weiter: Tore gehen auf…“ (Rainer Maria Rilke) Mit diesem Zitat stehen wir am Ende unserer heutigen Etappe, vor der Pfarrkirche zum hl. Jakobus der Ältere, in Lassing. Die Bergkulisse der Rottenmanner und Wölzer Tauern im dichten Nebelmeer versteckt und kaum zu sehen.

Das ist mein Weitwander - Bergerlebnis. Vor mir eröffnet sich ein 546 Kilometer langer, in 35 Etappen gegliederter Weg vom Thermen- Vulkanland bis zum Dachstein in der Steiermark. Bewusst wähle ich die Nordroute in entgegengesetzter Richtung und wandere nicht vom Gletscher zum Wein, um mir als Belohnung die vielen Schmankerln zu gönnen. Nein, ich stärke und bereite mich im Steirischen Weinland vor und belohne mich mit dem Aufstieg auf den höchsten Gipfel der Steiermark. Nur, um den Moment unendlicher Freiheit genießen zu können. Nur, um dem „Berg Heil“ eine neue persönliche Note verleihen zu können. Nur, um auf meinen beschrittenen Weg zurück- oder - ich muss etwas schmunzeln - hochnäsig herabblicken zu können. Der Weg dorthin wird letztendlich aber, beinahe gespenstisch abgebrochen. So, als schließe der Vorhang die Bühne.

Dezember 2019. Ich starte meine Wanderung im Thermen- Vulkanland, im Südosten der Steiermark. Zum ersten Mal seit langer Zeit bin ich alleine unterwegs. Ohne Familie, ohne Kind, ohne Freunde, ohne Bekannte. Ich genieße es. Habe Zeit, mich gedanklich auf meinen Weg vorzubereiten. Mich darauf einzulassen um bewusst zu entschleunigen. Wieder zu mir selbst zu finden, die atemberaubende Schönheit unseres Landes, meiner Heimat zu erleben und zu genießen und um gleichzeitig meinen Leidenschaften, dem Wandern und dem Fotografieren nachzugehen. In meinem Tempo.

Den Weg werde ich nicht in einem bezwingen. Ich bewältige ihn etappenweise. Schritt für Schritt in Richtung Gletscher. Ein Jahr lang möchte ich mir Zeit geben.

Ob diese Art von Wanderung auch mit Kind machbar ist? Frag’ ich mich und beschließe es einfach zu versuchen, führen doch einige Etappen quasi vor der Haustüre vorbei.

© kattime