Die Erinnerung

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Die Erinnerung | story.one

„Hast du keine Angst, wenn du einmal 20 Kilometer alleine unterwegs bist?“, höre ich oft Freunde fragen. Die Antwort darauf lautet: „Eigentlich nicht. Sonst wäre ich ja nicht alleine unterwegs. Und ein bisschen Nervenkitzel schadet auch nicht.“ Im Gegenteil, es erleichtert, befreit und es macht mich glücklich. Alleine zu wandern, viele Faktoren vorausgesetzt, ist eine ganz besondere Erfahrung und kann mitunter auch mal lauchscharf und bibergeil oder einfach nur einzigartig werden. Gedankenversunken am Fuße der ältesten Eiche Europas, einem gigantischen geschichtlichen und biologischen Juwel, verliere ich (dankend) die Zeit und die Dämmerung bricht ein.

Ein Rascheln im Gebüsch, funkelnde Edelsteine im Wasser, rauschendes Getöse im Graben, ein Huhuuu am Himmel, ein Bellen am Hügel und plötzlich Stille. Wann warst du das letzte Mal alleine im Finsteren im Wald? - Für einige von euch sicher „Routine“, für andere aber unvorstellbar. Für mich, einer der aufregendsten Momente auf meinem bisherigen Weg. Eine Mischung aus Neugierde, Nervenkitzel und Glück.

1,5 Stunden lang genieße ich die Gefühlsmischung in der Dunkelheit, mitten im tiefsten Wald. Ab dem Dämmerungszeitpunkt habe ich das Gefühl, dass es im Sekundentakt immer dunkler wird. Ich kann’s sogar sehen. Mit jedem Augenschlag eine Nuance dunkler Richtung Nacht. Plötzlich verspüre ich den Drang schneller zu gehen. Der Blick auf mein GPS verrät mir, ich bin noch ein weites Stück von der Straße entfernt. Vom Waldweg über einen Schotterweg bis zum Asphaltweg konzentriere ich mich nur auf meine Schritte, auf die Zeit und mein GPS bis ich plötzlich ruckartig zu stehen komme und mir klar wird, dass ich nichts von diesem Wegabschnitt genossen habe. Und gebe mir Zeit. Nehme für einen kurzen Moment wahr: Ein Bacherl neben mir, wahrscheinlich schon seit einer Stunde, so laut, als würde sich ein Fluss durch den Wald schlängeln. Am Rande des Bacherls geeiste Wassertropfen, die wie Edelsteine funkeln, wenn man sie anleuchtet. Ein Waldkauz fängt zu rufen an, der Schrecklaut eines Rehs ist am Hügel zu hören und sonst - tja, sonst ist es einfach nur still. Hin und wieder weht ein kaltes Lüftchen, dass die Blätter zum Rascheln bringt. Mir wird klar, dass ich genau aus diesem Grund diese Wanderung auf mich nehme. Einfach, um nicht alltägliche Momente wie diese zu genießen und zu erleben. Denn Augenblicke wie diese, sind leider tatsächlich zur Seltenheit geworden.

Ich empfinde Glück.

Glück, mich wieder an Kindheitstage erinnern zu dürfen, in denen ich es genoss auf Entdeckungsreise zu gehen, sei es die Sterne zu beobachten oder dem Kauz zu lauschen - wenn auch nur vor der Haustüre, am Balkon oder am Fensterbrett.

© kattime 05.04.2020