Docteur Titi

Über Ougadougou hängt seit Tagen eine Glocke aus Smog und Staub. Der Saharastaub, mit dem Harmattan herbeigetragen, färbt den Himmel über uns gelb. Die Hauptstadt Burkina Fasos liegt in einer flachen Sahelsenke, was den Smog schwer abziehen lässt. Noch dazu hat es an die 40 Grad und die Luft ist so trocken, dass es einem die Kehle ausdörrt.

Die einheimische Bevölkerung flitzt auf Myriaden von Mopeds kreuz und quer durch die sandigen Straßen der Stadt. Der letzte modische Schrei scheint ein Mundschutz aus glänzendem Stoff zu sein, um die Atemluft ein wenig zu filtern. Er wird vorzugsweise in knalligen Farben getragen, pink, orange, petrol, ultramarin...

Unser Hotel "Ideal" ist keineswegs das, was der Name verspricht. Im Erdgeschoss wollen wir wegen des Straßenlärms und der schlechten Luft nicht wohnen, ab dem ersten Stock ist der Wasserdruck so schwach, dass es aus dem Duschkopf bloß rythmisch tropft. Also schleppen wir kübelweise Wasser zu unserem Zimmer im zweiten Stock. Die Häuser rundherum lassen uns rätseln, ob sie noch im Bau oder schon wieder am Zusammenbrechen sind. Dazwischen Brachland mit Müll und Gerümpel, bevölkert von knochigen Ziegen. Hier verrichten die Menschen ihre Notdurft. Die auf den schiefen Wänden aufgemalte Aufforderung "Defense d'uriner" verfehlt ihren Zweck.

Wir kontaktieren Monsieur Gabriel, der uns eine Jeeptour nach Mali anbietet. Unser zukünftiger Reiseführer stellt sich als Dauerredner heraus, an Unterhaltung soll es uns nicht mangeln! Sein Lieblingsthema ist Sex. "En Afrique tout le monde fait Titi," wiederholt er in regelmäßigen Abständen. Titi, ein Synonym für Beischlaf, sei überaus heilsam. Es vertreibe Schnupfen, schlechte Laune, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen, usw. Das bringt ihm den Beinamen "Docteur Titi" ein. Worüber er uns weiters informiert, ist, dass als "Deuxième bureau", zweites Büro, die Geliebte oder Nebenfrau bezeichnet wird. Von Europäerinnen erwartet sich Gabriel ohnehin größtmögliche Freizügigkeit. Da ich verheiratet bin, bin ich halbwegs aus dem Schneider. Nur meine Reisebegleiterin, Zeit ihres Lebens partnerlos, wird sich in den folgenden Tagen seiner Avancen kaum erwehren können, was ihr einigermaßen mißfällt.

Docteur Titi ist auch dem Alkohol nicht abgeneigt. In der Proviantkiste auf dem Dach des Jeeps hat er außer Lebensmittel noch zwei große Flaschen Pastis untergebracht. Vor jeder Mahlzeit und danach wird ein kräftiger Schluck genommen. Außerdem hält er während der Fahrt ständig nach einem Dolo-Stand Ausschau. Dolo ist ein von den Frauen gebrautes Hirsebier, welches ähnlich wie Most schmeckt und ganz schön in die Gedärme einfährt. Ist das Bier zur Ausschank fertig, bespritzen die Frauen ihr Lehmziegelhaus oberhalb der Tür mit weißer Farbe. Alsbald hocken im Hof eine Menge Typen mit glasigen Augen und Kalebassen voll schaumigen Gebräus. Und Docteur Titi steigt scharf auf die Bremse, um sich auch eine Kalebasse Dolo zu genehmigen.

© Kesharinii