Kannst du dich erinnern...?

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Kannst du dich erinnern...? | story.one

Bei einem Familientreffen fragte mich die Freundin meines Sohnes, welches meine frühesten Kindheitserlebnisse wären, an die ich mich erinnern könne. Eine schwierige Frage! Erinnerungen kommen mir vor wie Blasen, die aus den Tiefen des Ozeans der Zeit aufsteigen und sich an der Oberfläche der Gegenwart offenbaren. Ob das darin Enthaltene wirklich den vergangenen Ereignissen entspricht, ist fraglich. Es ist wahrscheinlich, dass wir einige Dinge anders in Erinnerung behalten, als sie tatsächlich stattgefunden haben. Trotzdem sind sie ein lebendiger Teil unserer Persönlichkeit.

Was blieb von meiner Kindheit in mir lebendig?

Ich erinnere mich an eine Zinkwanne, die auf einem Tisch steht. Ein primitiver Gasheizstrahler erwärmt den Luftraum darüber. In der Wanne sitze ich, drei- oder vierjährig, im schaumigen Wasser und amüsiere mich mit einer gelben Plastikschwimmente, während meine Mama ein vorgewärmtes Handtuch bereit hält. Der Rest des Raumes ist kalt, denn die einzige Wärmequelle im Erdgeschoss unseres Hauses ist ein Kohleofen zwei Zimmer weiter.

Ich erinnere mich, dass mein Vater im Winter, bevor ich schlafen gehe, die Heizdecke in meinem Bett einschaltet. Nach dem Zähneputzen werde ich zu Bett gebracht. Ich liege allein im dunklen Zimmer und sehe die Eisblumen am Fenster glitzern. Unten vom Wohnzimmer höre ich das dumpfe Murmeln von Opas Tarockierrunde und das zeitweilige Fäusteklopfen am Tisch, wenn einer einen "Stich" macht. Das macht mir Angst. Außerdem fürchte ich mich davor, dass ein Mann oder ein Löwe durch's Fenster herein kommt, um mich zu holen. Keiner nimmt meine Ängste ernst!

Ich erinnere mich, dass ich am Abend mit Oma zur Wohnung der Großeltern gehe. Es ist finster, wahrscheinlich Herbst oder Winter. Sie bleibt stehen und zeigt auf den nachtblauen Himmel. "Schau mal, so viele Sterne," sagt sie, "hier sehe ich einen roten, da einen blauen und dort einen grünen!" Ich blicke zum Himmel hinauf und sehe unzählige bunte Sterne, die wie leuchtende Juwelen am nächtlichen Firmament funkeln.

Ich erinnere mich, dass mein Opa mit mir Dampfschiff spielt, wenn ich bei den Großeltern übernachte. Wenn er im Kohleofen nachlegt, ist er der Heizer von unserem Dampfer. Ich sitze im Pyjama im Bett und habe als Kapitän das Steuerrad in Form einer kuchentellergroßen Perlmuttmuschel in der Hand, welche ich mit Begeisterung drehe.

Ich erinnere mich, dass ich, bereits des Lesens mächtig, von meinem Vater ein Buch mit Geschichten von Wilhelm Busch bekomme. Die dort dargestellten Bösartigkeiten irritieren mich. Trotzdem stelle ich mir vor, meine Tanten, genauso wie es der Bäcker mit Max und Moritz tat, in einer Mühle zu kleinen Bröckchen zu vermahlen, um ihren feuchten Küssen zu entkommen, deren ich mich bei ihren Besuchen nicht erwehren kann.

Noch viele andere Erinnerungen tauchen auf, an meine Familie, die mir trotz bescheidener Verhältnisse als einfache Arbeiter eine sichere und behütete Kindheit schenkten.

© Kesharinii 17.10.2019