Mißglückter Versuch, den Esel zu töten

Wie konnte er das nur machen? Sich in der Taverna besaufen, weil er hinter dem belgischen Mädl her war. Und dann bei einer Kontrolle den Bullen 2 g Hasch auf den Tisch legen! Danach wanderte unser Grazer Freund in den Knast und hinterließ uns seinen Packesel. Ein altes, steifbeiniges Männchen, welches bei längerem Bergaufgehen in asthmatisches Keuchen verfiel.

Die Backpackerszene in Paleochora war uns eh schon zu dicht, also ab ins ursprüngliche Landesinnere. Auf einer ungenauen Skizze in unserem Reiseführer fanden wir eine Gebirgsquerung. Wir brachen auf. Der Aufstieg verlief zunächst über einen felsigen Hang. Weiter oben zweigte ein schmaler Pfad in stacheliges Buschwerk ab. Da dieser ungefähr der gewünschten Richtung entsprach, marschierten wir entlang. Doch wir kamen immer weiter in eine düstere Schlucht hinein und steuerten auf eine steile Felswand zu. In dem Moment, als uns dämmerte, dass wir auf dem falschen Weg waren, stolperte der Esel über eine ausgesetzte Stelle und stürzte sich überschlagend in die Tiefe. Auf einer Felsnase blieb er hängen und starrte uns völlig verstört an. Jetzt hieß es Esel retten. Also den Abhang runter, Gepäck und Sattel abmontieren und zum Pfad raufschleppen. Als nächstes den Esel mit Hilfe der Packstricke auf die Beine zerren. Dieser zappelte als hätte er einen epileptischen Anfall und stürzte nach ein paar unkontrollierten Zuckern noch ein paar Meter tiefer. Der Anblick, der sich nun bot, war furchtbar. Das Tier vor Schreck erstarrt, ein dunkler Faden Blut aus der Nase fließend und die Beine abartig verbogen und verdreht. Der ist nicht mehr zu retten, dachten wir. Niko entpuppte sich als echter Tierfreund und meinte, er müsse ihn zumindest töten, um ihm ein qualvolles langsames Ende zu ersparen. Eine Weile überlegten wir hin und her, wie. Die Idee war, ihn mit einem Schlag auf den Kopf zu betäuben, um ihm danach mit Nikos Hirschfänger die Halsschlagader aufzuschlitzen. Niko nahm den größten Felsbrocken, den er in der Gegend fand und gerade noch heben konnte und platzierte sich auf dem Felsvorsprung. Er stemmte den Felsen über den Kopf und schleuderte ihn mit voller Wucht auf das unter ihm liegende Tier. Ein Krachen wie splitternde Knochen,...der Esel schüttelte sich, sprang auf und stand auf allen Vieren. Zwischen den Ohren auf der Stirn klaffte eine große Platzwunde. Mein Gott, er lebt! Und die Beine schienen auch in Ordnung! In schweißtreibender Muskelarbeit zogen wir ihn mit Hilfe der Packseile, die wir flaschenzugartig über Wurzelstöcke schlangen, wieder auf den Weg zurück. Die Platzwunde wurde verarztet und ein Verband in einer Achterschleife um die Ohren angelegt. Das Viech stand so unter Schock, dass wir das Gepäck selbst schulterten.

Wir fanden den richtigen Weg, überquerten das Gebirge und erreichten spätabends eine Alm. Die Hirten staunten nicht schlecht, als sie zwei müde Gestalten und einen Esel mit einem Unendlichkeitsschleifen-Kopfverband daherkommen sahen.

© Kesharinii