Elf Sekunden Gold

Das Wertvollste, das ich besitze, ist weder meine Wohnung, noch all die Dinge darin. Das Wertvollste, das ich besitze, ist ein elf Sekunden langes Video. Es zeigt meine Cousine, als sie etwa drei Jahre alt ist. Ich habe sie bei der Aufnahme dazu gebracht, mir Bussis zuzuwerfen.

Sie umarmt ihr Kuscheltier, im Hintergrund spricht meine Mutter. Meine eigene Stimme klingt wie immer seltsam. „Anna, Bussi?“

Es sind elf Sekunden Gold – ihr Lächeln und die Schmatzgeräusche.

Einige Jahre später ist alles anders und diese elf Sekunden sind die einzigen, die ich jemals wieder mit ihr haben werde.

Es war ein Sonntag, an dem weit weg von zu Hause der Fernseher lief und mein Handy läutete. Ich hob ab und meine Mutter sagte mir, dass Anna gestorben sei.

Die Nachricht kam nicht plötzlich – im Gegenteil. Ich hatte lange Zeit um nachzudenken, wo ich sein würde, wenn der Anruf kommt. Wie es mir gehen würde. Was danach passieren würde. Am Ende saß ich an diesem Sonntag nur stundenlang bewegungslos auf der Couch, ohne weinen zu können.

Ich hatte den Begriff Glioblastom noch nie gehört, als mich Jahre zuvor ein Anruf meiner Mutter das erste Mal völlig aus meiner Umlaufbahn riss. Nachdem ich auflegte, ging ich zu Freunden, Medizinstudenten, und ließ mir erklären, was nun passieren würde. Annas Tumor war einer derjenigen, die nicht berechenbar sind. Ich verstand sehr wenig von dem, was sie mir erklärten.

Aber ich verstand inoperabel. Ich verstand schlechte Chancen. Der Abend endete damit, dass ich nicht verstehen konnte, wie so etwas einem kleinen Menschen passieren kann, der noch niemals in seinem Leben irgendetwas falsch gemacht hatte. Das Gefühl hält bis heute an.

Anna hat gegen das Monster in ihrem Kopf gekämpft, bis sie nicht mehr konnte. Ich habe in diesen Jahren sehr viel von ihr gelernt in Sachen Tapferkeit.

Oft wünsche ich mir, dass sie auch mehr von mir lernen hätte können und denke viel an sie, wenn ich neue Erfahrungen mache. Und wenn ich einen wirklich schlechten Tag habe, öffne ich das Video, das an acht verschiedenen Orten gespeichert ist und nehme mir ein Beispiel an ihrer Tapferkeit.

Dann höre ich ihr Lachen und muss selbst lachen. Immer.

© klara