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Auf der Nebenfahrbahn

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Auf der Nebenfahrbahn | story.one

Vorsicht!

Stau!

Reih dich auf der ersten Spur ein. Überhole nur links. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich mich langsam fortbewege. Direkt auf der Hauptfahrbahn, eine Abfahrt ist noch weit und breit nicht zu erkennen. Und da passiert es: Bremsen, Schulterblick, links ausscheren, Abstand halten, vorbeiziehen. Eine Frau, weit das mittlere Alter passiert, bremst abrupt. Weshalb? Sie hat einen Baum gesehen.

Ich überhole und reihe mich ordnungsgemäß wieder in die Reihe ein. Keine zwei Minuten später übe ich mich erneut im: Schulterblick, ausscheren, Abstand halten, vorbeiziehen. Weshalb? Eine Frau, weit das mittlere Alter passiert, bremst abrupt. Sie hat einen Baum gesehen.

Endlich, eine Abzweigung. Ich nehme sie. Nun befinde ich mich auf weiter Strecke, das erste Mal, seitdem ich unterwegs bin, alleine. Keiner vor mir, niemand hinter mir. Nur ich. Das Knirschen auf Kies beruhigt mich, doch mein Magen ist ungeduldig. Er will gefüttert werden. Endlich. Heute Nachmittag, zum ersten Mal.

Ich schlendere die verschlungenen Pfade entlang und genieße das ungewöhnlich milde Wetter. Beinahe wolkenloser Himmel über mir ermöglicht den Sonnenstrahlen, Vitamin D zu senden. Ich strecke mein Gesicht dem hellen Schein entgegen und genieße diese paar Minuten der Stille und atme tief ein. Auf meinem Weg suche ich nach einem optimalen Platz für mein kleines Picknick und da sehe ich ihn. Einen Baum. Ein Baum, der majestätischer nicht sein kann. Ein Baum wie im Bilderbuch. Ein Baum, der zum Drunterliegen, Hinaufkraxeln, Feiern, Zelten und Heiraten einlädt. Es ist eine riesige Eiche, die gehegt und gepflegt wurde. Doch war es ihr erlaubt, ihre wahre Größe zu erreichen, ihr Blätterdach zu entfalten und mit ihrer Krone, ihren wunderschönen Abschluss zu erhalten.

Hier möchte ich bleiben, denke ich mir. Eine Parkbank in der Nähe ist frei und ich steuere sie an. Ich packe meinen Kornspitz aus und mein Magen freut sich. Hier auf der Nebenfahrbahn ist das Leben ohne Trubel. Es ist gemütlich, ruhig und langsam. Es passt zu mir, da ich ein Mensch bin, der die Stille dem Trubel vorzieht. Der sich in einem vollen Raum oft alleine fühlt. Oder überfordert. Nun bin ich hier und genieße die Sonne und die Pracht der Natur. Weit weg von der Überholspur.

Hin und wieder schlendern Gleichgesinnte an mir vorbei. Bleiben stehen, betrachten etwas und fotografieren es. Auch die ersten dicken Äste meines Baumes werden erklommen. Es wird posiert und vermutlich in den sozialen Medien geteilt. Mir fällt auf, dass sehr viele Passanten ihre mobilen Telefone bereithalten. Es wird fotografiert und posiert, was das Zeug hält. Und nun, wo ich hier so sitze, und mich im Gehabe der anderen teilweise wiedererkenne, frage ich mich: Wann haben wir aufgehört für uns selbst zu leben? Im Moment präsent zu sein und Erinnerungen zu schaffen, die keine bildlichen Bestätigungen benötigen. Erinnerungen, die nur durch meine Vorstellungskraft entstehen. Die einfach sind.

© KlaraFrühling 2020-11-22

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