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#eigenartig

Die Höllenmaschine von Aotearoa

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Die Höllenmaschine von Aotearoa | story.one

Wir stehen fassungslos vor den Überresten der bordeauxroten Sporttasche. Der Reissverschluss kaputt, die Seitentasche hängt herunter, der Inhalt quillt durch einen langen seitlichen Schlitz heraus. Ein geschlachtetes Tier. Shirts-Gedärme, Socken-Organe. Tatort: Gepäckabholhalle des Auckland International Airport. Tatzeit: November 1993.

Während Kris und Franz das Gepäck hinaustragen und den Mietwagen checken, pilgern Stef, Besitzer des corpus delicti, und ich zum Infoschalter der Fluglinie. Die brutale Mißhandlung schreit nach Aufklärung und Schadenersatz. Stef knallt der Schalterdame die Tasche auf den Tisch. Dabei fällt ein rundes, metallenes, hinten aufziehbares Monstrum scheppernd auf den Boden. Ein Wecker. Und was für einer. Keins dieser Plastikdinger mit Batterien.

Stef ist zutiefst erbost, ich zutiefst erstaunt und die nette Schalterdame zutiefst schockiert. „Wos wüst Du mit dem Ding in Neuseeland?“ frage ich süffisant, worauf mir mein Kumpel erklärt, er wolle in der Früh pünktlich geweckt werden. „Hallo, wir san im Urlaub, Zeit is jetzt koa Thema!“ Zu seiner Entlastung sei gesagt, dass Handys mit Weckfunktion noch ein ganzes Stück in der Zukunft lagen.

Die Schalter-Lady (ich vermeine, ein Grinsen zu sehen) recherchiert telefonisch und erklärt, die Tasche habe bei der Gepäckkontrolle offenbar Mißtrauen erregt. Der Wecker-Scan habe sämtliche Alarmsirenen zum Erklingen gebracht und die Security aufgeweckt, was ja nun ganz gut zu einem Wecker passt. Sie spricht von Höllenmaschine und „time bomb“, wir verstehen nicht jedes Detail. Aber es hört sich ziemlich dramatisch an.

Es sei nicht auszuschließen, fügt die Dame augenzwinkernd hinzu, dass der “alarm clock” beim Scan noch getickt hat. „Double suspicious“. Jedenfalls, very sorry, sie könne nichts machen, wegen Schadenersatz möge man sich direkt an die Beschwerdeabteilung von British Airways wenden.

Mit einem geliehenen Tape flicken wir die Tasche notdürftig und ziehen mitsamt Höllenmaschine ab. Ich reflektiere noch kurz am stillen Örtchen, während die anderen drei ins Auto steigen. Ich komme raus, Sitz rechts vorne ist frei. Fein, ich such gleich mal die Straßenkarte raus und navigiere.

In NZ herrscht Linksverkehr, folgerichtig ist das Lenkrad rechts vorne montiert, dort wo ich nun sitze. Keiner von uns ist jemals zuvor links gefahren. Mein Harndrang beschert mir nun die Premiere. Gang mit links rein und los gehts. Beim ersten Kreisverkehr gleich der Klassiker: Scheibenwischer statt Blinker! Wecker-Stef neben mir, wo ich jetzt sitzen sollte, kommentiert hämisch meine Fahrkünste: „Host den Führerschein im Lotto gwunna, ha?“

Nun, was folgt ist ein wunderbarer Abenteuerurlaub im Land der langen weissen Wolke, so die Übersetzung des Maori-Worts Aotearoa. Wir gingen uns kein einziges Mal auf den Wecker. Derselbe aber blieb dort und wenn er regelmäßig aufgezogen wird, dann tickt er noch heute im Land der langen weissen Wolke.

© Klaus P. Achleitner 2020-11-21

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