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20.000 km-Reise mit Frauengeschichten

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20.000 km-Reise mit Frauengeschichten | story.one

Im Herbst 1993 flog ich mit drei Freunden nach Neuseeland – der Traumurlaub schlechthin. Maori, Kiwi und Vulkane, ein noch exotischeres Ziel konnten wir uns damals gar nicht vorstellen. Und das ganze auf der anderen Seite der Erdkugel, 20.000 km weit weg von zu Hause. Flug-Scham kannte man nur als getrennte Wörter und Greta Thunberg war noch nicht geboren.

Einer der Reisegefährten war Konrad (Name geändert), den ich schon von der Schulzeit kannte. Wir haben uns immer super verstanden und ich war - ich geb's zu – ein bisserl neidisch auf seine Frauengeschichten, die er so wunderbar ausschmücken konnte. Immer wieder mal erzählte er, mit wem er schon (aus)gegangen war und mit wem er ein Panscherl gehabt hatte. Manche der Mädels kannte ich, von anderen zeigte er mir Fotos. Er war definitiv kein „George-Clooney-Typ“, eher unauffällig. In der Schulzeit war er auch nicht als der große Aufreisser aufgefallen. Wie machte er das bloß?

Wir waren schon zwei Wochen im Mietwagen unterwegs und hatten die Nordinsel kreuz und quer durchfahren. An einem Samstag erreichten wir den Lake Taupo, ein riesiger See im Herzen der Insel. Nachdem wir am nächsten Tag auf dem Waikato-River Jetboot fahren wollten, entschieden wir uns, die Nacht hier zu verbringen. Wir checkten in einem kleinen Backpackers am Nordostufer ein. Nach dem Diner gingen Konrad und ich runter zum See, während die beiden anderen noch eine Partie Karten spielten. Von einem Punkt am Seeufer konnte man einen Golfball auf ein Green abschlagen, dass sich auf einer Plattform im Wasser befand. Wenn man das kleine Eiland traf, ruderte man hinüber und konnte den Ball einlochen. Eine schräge Idee, aber irgendwie passend für die sportverrückten "Kiwis".

Wir waren bald wieder bei unserem Lieblingsthema angelangt: „Wiaso kummst Du so guat an bei den Mädels? Wia mochst Du des?“ fragte ich ihn. Anstatt wieder mit einer seiner Geschichten anzufangen, hat er lange auf den See hinausgeschaut, der so groß ist, dass man das gegenüberliegende Ufer nur erahnen kann. „I glaub, es wird Zeit, Dir was zu beichten. I hab nix mit Mädels am Hut, ich steh auf Männer!“ Da war ich baff. Damit hatte ich nicht gerechnet. Sein Outing war ihm sichtlich schwer gefallen. Ich war erst der Dritte, dem er es erzählt hatte. Weder seine Eltern, noch seine Geschwister wussten zu der Zeit davon.

Der Ärger über seine Flunkereien war rasch einer gewissen Erleichterung gewichen, denn nun kannte ich das Geheimnis seines Erfolges - es gab keines! In den 90er Jahren war der Satz "Ich bin schwul!" viel schwieriger auszusprechen als heute. Es war eine Last von ihm abgefallen. Im weiteren Reiseverlauf erzählte er es dann auch den beiden Anderen, die das ähnlich gelassen sahen.

Unserer Freundschaft hat es nicht geschadet. Viele Jahre später kehrte Konrad im Zuge einer Weltreise mit seinem späteren Lebensgefährten nochmal nach Neuseeland zurück. Sie haben dort geheiratet, als man in Österreich noch nicht einmal die Verpartnerung kannte.

© Klaus P. Achleitner 01.12.2019

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