Spurlos verschwunden im Busch

Um 6.45 Uhr Ortszeit landet unser Airbus auf dem kleinen intern. Flughafen von Windhoek, der Hauptstadt Namibias. Neben uns sitzt Margit aus Deutschland, die wir während des 10-stündigen Fluges kennengelernt haben. Sie sei vor 27 Jahren ausgewandert, habe den Kontakt in die BRD aber immer aufrecht erhalten. Sie müsse noch einige Arbeitsjahre in einer schwäbischen Fabrik für Waschmaschinen herunterbiegen, ehe sie in den Vorruhestand treten könne. Dann werde sie für immer nach Namibia gehen, wo ihr steirischer Mann und der Großteil ihrer Familie auf einer Farm lebt. Margit verkürzt uns die lange Flugreise mit ein paar wertvollen Tipps zu Land und Leuten und einigen würzigen Anekdoten, etwa über die beiden Psychisch-Kranken, die auf Nimmerwiedersehen im Busch verschwanden:

Vor einigen Jahren habe ein Krankenpfleger den Auftrag erhalten, zwei psychisch Kranke von Zimbabwe in ein Krankenhaus nach Namibia zu überstellen. Auf der langen Reise in dem trockenen Land habe der Mann großen Durst bekommen und habe kurz bei einer Kneipe halt gemacht. Ein paar Stunden und viele Drinks später sei er zu seinem Krankenwagen zurückgekehrt und musste entsetzt feststellen, dass ihm die beiden Patienten entlaufen waren. Er suchte die Gegend ab, konnte sie aber nicht finden. In seiner Verzweiflung sei er ins nächste Eingeborenendorf gefahren und habe zwei Einwohner „überredet“, in seinen Wagen zu steigen. Die habe er dann auftragsgemäß im Krankenhaus abgeliefert. Erst zwei Wochen später sei der Irrtum bemerkt worden und man ließ sie wieder frei. Die entlaufenen Patienten aber seien nie wieder gesehen worden.

Ob die Story nun stimmt oder nicht, zweifellos ist sie schon um viele Lagerfeuer zirkuliert. Die Deutsch-Namibierin lädt uns auf ihre Farm Kalkfontein bei Grootfontein im Norden des Landes ein. Da wir später sowieso in die Gegend kommen, nehmen wir die Einladung an. Wir werden es nicht bereuen.

Nach den Einreiseformalitäten fassen wir unseren gemieteten Geländewagen aus. Damit werden wir die nächsten drei Wochen auf Safari durch Namibia gehen. Da ich als Einziger von uns Dreien schon mal einen Rechtslenker gesteuert habe, bin ich der erste Chauffeur. Beim Einbiegen in den Kreisverkehr passiert mir der klassische Fehler: statt dem Blinker schalte ich den Scheibenwischer ein – Gelächter im Wagen! Die 40 km lange Fahrt zur Hauptstadt verläuft ruhig, wir lassen die hügelige und erstaunlich grüne Dornbusch-Savanne an uns vorbeiziehen. Der Nissan ist zweifellos nicht für Asphalt gebaut, denn er schlingert wie ein Ozeandampfer. Und auch die exotische Tierwelt lernen wir gleich kennen: ein Pavian, der knapp vor uns die Straße quert, macht fast die Bekanntschaft unseres Rammschutzes. Im Reiseführer steht, dass Paviane mitunter am Straßenrand Neuankömmlinge begrüßen. Wir hätten beinahe einen erlegt. Er hat aber seinen Glückstag und verschwindet unversehrt im Busch. Fürs erste ist sein Bedarf an Neuankömmlingen gedeckt.

© Klaus P. Achleitner