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Vom Leben und Sterben

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Vom Leben und Sterben | story.one

Ein warmer, sonniger Frühlingstag. Eine angenehme Brise vom nahen See. Die Wiesen erblühen in grüner Pracht, die Bäume am Straßenrand stehen in vollem Saft. Der Gegensatz zwischen der aufblühenden Natur und dem Schlachtfeld auf der Straße könnte größer nicht sein. Ein Kleinwagen geriet aufs Bankett und schleuderte quer in einen Kleintransporter.

„VERKEHRSUNFALL AUF DER BUNDESSTRASSE, EINGEKLEMMTE PERSON“

Was sich bei der Alarmierung neutral angehört hat, erweist sich beim Eintreffen unserer Freiw. Feuerwehr als einer der schlimmsten Verkehrsunfälle, die ich je gesehen habe. Autos explodieren nur in Action-Filmen. Brände gibt es, wenn auch sehr selten.

Das Auto ist nur mehr ein rauchendes schwarzes Blechknäuel. Die zuerst eingetroffene Feuerwehr hat das Wrack rasch gelöscht. Wir brauchen Bergeschere und Spreizer nicht mehr auszupacken. Übrig geblieben sind nur die nicht brennbaren Metallteile der Karosserie, Felgen, Motorblock, die Gestelle der Sitze, alles geschwärzt vom Ruß. Modell und Farbe sind unkenntlich. Der Kleintransporter dagegen ist nur an der Front beschädigt.

Rettung und Notarzt treffen ein, aber es gibt nichts mehr zu retten. Die Fahrerin, ein junges Mädchen um die 20, ist eingeklemmt bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Ihre verkohlten Überreste zwischen den Vordersitzen sind mit dem Autowrack zu einer dunklen Masse verschmolzen und kaum als Leichnam zu erkennen. Wir helfen bei der Bergung der Leiche und dem Verladen ins RK-Fahrzeug.

Routiniert laufen währenddessen die Aufräumarbeiten auf der von der Polizei gesperrten Straße ab. Zu beiden Seiten bilden sich lange Staus. Doch wir lassen niemanden vorbei, die Feuerwehren brauchen eine sichere Zone. Die Arbeit hilft, sich abzulenken.

Der Abschleppwagen kommt und lädt das Häufchen Schrott auf die Ladefläche. Der Kleintransporter wurde bereits auf die angrenzende Wiese geschoben. Dessen Fahrer, ein Familienvater mittleren Alters, hat nicht einmal eine Schramme abbekommen, ist jedoch schwer geschockt. Unmittelbar nach dem Aufprall aus seinem Auto geklettert, konnte er nichts mehr für das junge Mädchen tun. Ihr Auto war binnen Sekunden im Vollbrand gestanden.

Bei der Rückfahrt ins Zeughaus ist es ruhig im Einsatzwagen. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Ausrüstung in Ordnung bringen, umziehen, heimfahren. Damit weiterleben. Irgendwann hat Dich der Alltag wieder.

Ich komme oft an der Unfallstelle vorbei. Nicht immer, aber manchmal denke ich daran. Ein junges Mädchen, dass ich flüchtig kannte, ist tragisch ums Leben gekommen. Es ist müßig, sich darüber Gedanken zu machen, wäre kein Gegenverkehr gekommen. Oder hätte das Auto nicht Feuer gefangen. Warum wurde ausgerechnet ein so junges Leben ausgelöscht, während der andere Fahrer unverletzt überlebt hat? Das Schicksal ist nicht gerecht. Auf manche Fragen gibt es keine Antwort. Leben und Sterben liegen oft nahe beieinander. Man muss es akzeptieren. Ich habe es akzeptiert.

© Klaus P. Achleitner 16.02.2020

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