Bildung und was davon übrig bleibt

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Bildung und was davon übrig bleibt | story.one

Brüssel am Gare du Nord. Luc von der Universität Loeven, der Gastgeber beim Treffen der OECD Arbeitsgruppe, hatte uns vor dieser Gegend gewarnt und empfohlen den Zentralbahnhof zu nehmen. Ich kannte die Gegend jedoch von früher, weil sich mein Hotel in der Nähe am Place Rogier befand und ich war sicher, dass mir schon nichts passieren würde. Eben fuhr mein Shuttle-Zug zum Flughafen Zaventem ein, als ich angerempelt wurde und mir jemand die Handtasche entriss. Ich machte mich an die Verfolgung und rief lautstark um Hilfe. Obwohl der andere schneller war blieb ich ihm mit meiner Reisetasche lärmend und hartnäckig auf den Fersen.

Dann aber war der Vorsprung zu groß geworden und ich gab auf: Ich wusste, dass es rechts am Ende des Ganges einen Stiegenabgang gab und von dort führte eine Glastür in ein dichtes Wohnviertel. Schon glaubte ich das Rumpeln dieser Tür zu hören: Mist, jetzt ist er endgültig weg.

Da jedoch, im Augenblick meines größten, aber hilflosen Zornes, rannten 4 Polizisten an mir vorbei, stürzten den Stiegenabgang hinab und jetzt hörte ich ein Stimmengewirr und einzelne Schreie. Ich schaute die Stiege hinab und sah, dass die 4 „meinen“ Gauner unsanft zu Boden gerissen hatten und ihn grob fixierten. Ich spürte das Verlangen, mäßigend Einhalt zu gebieten, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte. „Rustig, blijf rustig“ sagte ein älterer Polizist zu mir, der unbemerkt neben mir stand „Ze doen gewoon hun werk.“

Allmählich wurde mir klar, weshalb man mich für einen Flamen hielt. Ich war als Kleinkind zweisprachig gewesen, weil die Eltern von Roger, meinem gleichaltriger Freund vom Nachbarhaus, aus Flandern kamen. Dort wurde holländisch gesprochen. Dann aber wurden wir aufgrund verschiedener Konfessionen getrennt eingeschult, und so kühlte unsere Freundschaft ab und mein Holländisch blieb mehr oder weniger auf dem Niveau eines 5jährigen. Ja in Norddeutschland hörte ich zwar noch bisweilen die Hits von Radio Hilversum, aber aktiv brauchte ich die Sprache fast nie mehr. Nun aber in meiner Wut und Not schrie ich ganz spontan in der mir für diesen Ort am zweckmäßigsten erscheinenden Sprache um Hilfe: „Help, een Dief!“ „Attentie, Attentie“ „Houd de Dief vast!“ „Houd de Dief vast!“ „Vaaasthouden!!!!“

Wie sich zeigte hatte mein Gezeter Erfolg: „Ick heb en Hond“ sagte der ältere Polizist später bei der Aufnahme des Protokolls. „We hebben niets gemerkt in de kamer, maar de hond hoorde uw en blafte.“ Dann aber wollte er wissen, warum ich als Österreicher so lustig holländisch konnte und ich erzählte ihm die Geschichte von meinem Kinderfreund Roger. Er übersetzte für seine Kollegen ins Französische. Alle lachten und nickten anerkennend.

Seit damals habe ich mich nie mehr so sehr über die Polizei gefreut: „Mijne Heren, ik ben u erg dankbaar - Dank ook aan de koninklijke politie, beste Dank aan jullie allemaal!“ sagte ich zum Abschied und ich war erstaunt, wie verkehrstüchtig noch mein Holländisch nach 50 Jahren war.

© Klaus Schedler 24.05.2019