„Dat sind Berge, wa Papa!“

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„Dat sind Berge, wa Papa!“ | story.one

Wenn ich als Student früher zu den Eltern und Freunden ins Münsterland fuhr, so stieg ich abends um 20.25 am Wiener Westbahnhof in den D 225, den „Wien-Oostende Express“, ein und war dann am Folgetag um 9:22 in Köln. Dort wartete am selben Bahnsteig der D 333 von Köln über Flensburg nach Fredericia in Dänemark, der etwa 10 Minuten später abging. In Münster (Westfalen) wurde ich dann in der Regel vom Bahnhof abgeholt.

Eine ideale Verbindung, die mir im Laufe der Jahre richtiggehend ans Herz gewachsen war. Solange meine Freundin noch nicht dabei war, bin ich im normalen Sitzwagen gefahren, um Geld zu sparen. Spätestens ab Wels fielen mir in der Regel die Augen zu und damals waren die Gleise im folgenden Abschnitt noch nicht verschweißt, d.h. zu dem Rhythmus des nun stetigen „Taktak- Taktak…“ hätte man prima eindösen können, doch wurde ich immer von nervigen Bahnhofslautsprechern mit „Bad Schallerbach-Wallern“, „Grieskirchen-Gallspach“, oder „Neumarkt-Kallham“ gestört. Bis heute frage ich mich, für wen diese Durchsagen gemacht wurden, denn ich bin mir sicher, dass wenn überhaupt jemand dort um diese Zeit den Zug verließ, er auch ohne Durchsage genau wusste, was er tat.

Regelmäßig fand ich aber dann schließlich doch zur Ruhe. Mindestens bis Plattling, denn dort war ein anscheinend ungeheuer wichtiger Anschlusszug die folgende Ansage wert: „Åchtung! Der Zug nach Minch‘n fåhrt in Kürze auf Glåis 1å å“. Tatsächlich ein Rätsel für Schlaftrunkene: Mittlerweile weiß ich um das geheimnisvolle Chiffre des „1å å“: Der Bahnsteig 1 ist in die beiden Abschnitte a und b unterteilt und von Abschnitt a fährt besagter Zug „å“ also „ab“. Tatsächlich konnte ich dann in der Regel von Niederbayern bis ins Rheinische ruhig schlafen und das Umsteigen in Köln war auch für Schlafmützen keine Herausforderung.

In der Regel fand sich im Zug nach Fredericia ein freier Sitzplatz zum Weiterdösen oder um sich Geschichten über die Mitreisenden auszudenken. Der Zug war schnell bereits im sog „Bergischen“ und ratterte also flott in Richtung Solingen etc. Einmal war meine Abteiltür offen und draußen im Gang stand ein Vater mit seinem etwa 8-jährigen Buben. Ganz offensichtlich war der Bub zu ersten Mal mit der Bahn unterwegs und ließ sich alles Mögliche von seinem Vater erklären, der nicht nur geduldig alles beantwortete, sondern sich in bahntechnischen Belangen ebenso gut auskannte, wie in der Landschaft. „Wat isn dat fürn Fluss, Papa?“ „Dat is de Wupper!“ und dann „Boaaah! Da guck ma, DAT sinn Berge, wa Papa!“ Zweifelsohne hatte der Bub recht - zwar kam ich aus Österreich, aber anscheinend hatte ich bereits nach wenigen Jahren dort vollkommen vergessen, dass auch die sanften Erhebungen in meiner alten Heimat schon als Ausnahmeerscheinung und richtige Berge galten.

Und schon gewöhnte ich mich damals wieder an Land und Leute bei mir daheim.

© Klaus Schedler 04.11.2019