Erstkontakt im engsten Familienkreis

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Erstkontakt im engsten Familienkreis | story.one

Wir hatten einander im Mai 1975 kennengelernt. Ich studierte damals und sie arbeitete im Büro einer landwirtschaftlichen Interessenvertretung. Wir fanden organisch rasch zueinander wie zwei Bäume, die mit der Zeit wie ein Baum zusammenwachsen. Damit sowas hält, lässt man die Familien daran teilhaben.

Der erste gemeinsame Besuch bei ihren Eltern im oberen Waldviertel wurde sorgfältig vorbereitet, Wo schlafen? Eine gemeinsame Übernachtung in ihrem Elternhaus war damals moralisch unvertretbar. Eine Schwester und ihr Mann waren in dieser Hinsicht jedoch aufgeschlossener und so also ward für Mitte November der erste Besuch geplant.

Am Sonntag und zum Nachmittagskaffe war der kritische Vorstellungstermin angesetzt. Bei ihren Eltern und einer Oma sowie jener Schwester und ihrem Mann, die dort die Landwirtschaft führten. Doch dabei blieb es nicht. In der Verwandtschaft hatte sich herumgesprochen, dass meine Freundin als jüngste Tochter daheim ihren Freund vorstellen wollte und dann trafen sie aus der Umgebung alle ein: Da war die älteste Schwester mit ihrem Mann , der älteste Bruder mit seiner Frau, zwei weitere Schwestern mit ihren Männern, der nächst ältere Bruder und schließlich die nächst ältere Schwester mit ihrem Ehemann, bei denen wir übernachtet hatten. Abgerundet wurde die Gesellschaft von den vielen Neffen und Nichten meiner Freundin. Insgesamt waren wir 18 Erwachsene und geschätzte 12 Kinder, die sich mehr oder weniger spontan zum Kaffee eingefunden hatten. Für mich klarerweise sehr beeindruckend und zudem damals noch ziemlich verwirrend.

Dem entsprechend wollten wir zu Weihnachten meine Eltern in Norddeutschland besuchen. Wir fuhren am Abend des Christtags von Wien ab, sind morgens in Köln umgestiegen und trafen etwa um 11:30 in Münster ein, wo wir von meinem dort lebenden Bruder und seiner Frau abgeholt wurden. Ausgemacht war, dass wir dann im nahegelegenen Gimbte in einem Gasthaus meine Eltern zum Mittagessen treffen sollten, doch ich hätte es besser wissen müssen, denn dabei blieb es nicht: Neben meinen Eltern und dem Bruder und Schwägerin waren für uns überraschend auch mein zweiter Bruder mit seiner Frau aus Wiesbaden und überdies ein Onkel und eine Tante aus Dortmund angereist. Sie alle wollten das möglicherweise neue Familienmitglied so früh wie möglich kennen lernen. Anders als bei meiner Freundin bestand mein engster Familienkreis aber lediglich aus 10 Personen.

Und was ist aus all dem geworden? Manche haben uns leider schon für immer verlassen, jedoch ist die Verwandtschaft dennoch größer und in Summe auch wirklich jünger geworden, wozu auch wir, also meine Frau und ich, nach Kräften beigetragen haben. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Verwandtschaft meiner Frau erwies sich jedoch als uneinholbar. Meine Verwandtschaft ist demgegenüber in der regionalen Streuung führend geblieben.

Und die Hauptsache: Meine liebe Frau und ich sind seit mehr als 40 Jahren verheiratet.

© Klaus Schedler 01.12.2019