Ertrunken

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Ertrunken | story.one

Hammamet 1976. Eine tolle Zeit damals. Ich war im Studium an der Uni Wien und vor wenigen Wochen zu meiner Freundin nach Simmering gezogen. Zuvor hatte ich zur Untermiete gewohnt, doch hatte meine 83 jährige Zimmerwirtin einen Platz im Altersheim bekommen und ihre Wohnung aufgelöst. Gemeinsam mit der Freundin hatten wir überlegt, was zu tun sei, und wir waren zum Ergebnis gekommen, dass ich zu ihr in die 28 m2 Mini-Wohnung ziehen sollte, zumal wir ohnehin schon die meiste Zeit gemeinsam lebten. So konnten wir eine Menge Geld sparen. Ja und dann war sich sogar ein kleiner Urlaub ausgegangen. Es sollte nach Tunesien gehen und wir freuten uns auf unsere ersten gemeinsamen Ferien.

Alles dort war wirklich sehr schön und vor allem nicht so überlaufen. Am Abend zwar dudelte regelmäßig der nervige Sommerhit des Jahres „Daddy Cool“ von Boney M. Jedoch bei immer schönem Wetter und am Strand war Ruhe und genügend Platz. Seit meiner Schulzeit war ich ein guter Schwimmer gewesen und hatte damals sogar mithilfe meines Sportlehrers eine zertifizierte Rettungsschwimmer-Grundausbildung bei der Deutschen Lebensretter Gesellschaft (DLRG) gemacht. Nun bin ich täglich so weit ins Meer hinausgeschwommen, bis ich meinte, dass nun wohl besser eine Rückkehr angezeigt war. Da konnten meine nassen Ausflüge schon länger als eine Stunde dauern, doch niemand machte sich Sorgen. Nachdem ich gewendet hatte, waren überhaupt keine Details mehr am Strand erkennbar. Zumal ich kurzsichtig bin und ohne Brille unterwegs war, sah ich mein Ziel nur als Linie.

Eines Tages war stärkerer Wind und entsprechend leichter Seegang. Keine großen Wogen, sondern maximal ½ Meter hoch. Trotzdem war außer mir praktisch niemand im Wasser. Ich schwamm also hinaus, als ich links neben mir jemanden rufen hörte. Wie ich hinüber schaute, sah ich in etwa 50 Meter Entfernung eine Person, die rief und den Arm über den Kopf schwenkte. Verstehen konnte ich im Wind kein Wort. So weit jedoch erkennbar rief sie nicht mir zu, sondern Gesicht und Winken waren anscheinend auf den Strand gerichtet. Tatsächlich, dort standen ein paar Leute, die ihrerseits auf diese Person schauten. „Wird schon nichts sein“ dachte ich beruhigt und schwamm somit wie gewohnt weiter hinaus.

Nach etwa einer Stunde kam ich zurück und legte mich zur Freundin an den Strand, um mich zu erholen. Ich döste ein und wurde erst wach, als eine plötzliche Unruhe am Strand entstanden war: Ein Ertrunkener, ein junger Bursch war angespült worden. Niemand konnte mehr helfen, Belebungsversuche blieben erfolglos. Er war tot.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Bursch tatsächlich jene Person war, die ich eine Stunde zuvor schreiend und winkend gehört und gesehen hatte. Ich hoffe, dass ich wirklich nur einen merkwürdigen Spaßmacher gesehen habe, der seinen Freunden am Strand etwas vorgespielt hat. Doch mit Sicherheit weiß ich es bis heute nicht, und die Möglichkeit eines schuldhaften Versagens nagt bis heute an mir.

© Klaus Schedler 11.06.2019