„Fabsi und Babsi“

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„Fabsi und Babsi“ | story.one

Spitznamen finde ich eigentlich überhaupt nicht lustig. Ich habe einen richtigen Namen und er ist Teil meiner Identität geworden und die brauche ich, um mich zurechtzufinden. Mein erster Spitzname war „lüt Gustav“ (klein Gustav): Ein Nachbar, ein angesehener Stadtbeamter im Münsterland, den Einheimische als „Willem van’t Amt“ (Amtmann Wilhelm) kannten, nannte mich so, weil er noch meinen Großvater Gustav gekannt hatte. Ich mochte diesen Namen nicht, doch zahlte es sich aus, sich mit „Onkel Willem“ gut zu stellen, der er versorgte uns Kinder in der Nachbarschaft mit Freikarten für die alljährliche Kirmes.

Mein zweiter Name war „Medicus“ und das hatte folgende Bewandtnis: Bei der Einschulung waren wir damals mehr als 40 Kinder in der Klasse und damit „Fräulein Schwarzinger“ (sowas durfte man damals noch sagen) sich die Namen all ihrer Schützlinge merkte, hatte sie uns aus Schuhkartons Namensschilder gebastelt, die uns umgehängt wurden. Auf der Rückseite meines Schildes stand nun „Medicus“ (der Produktname eines Schuhherstellers) und dieser Name kam bei den Mitschülern viel besser an, als mein eigentlicher Vorname. Klar, dass sich meine Freude darüber in Grenzen hielt.

In der Unterstufe des Gymnasiums nannte man mich „Prof“ weil ich mir blöderweise angewöhnt hatte, meinen Mitschülern die Welt zu erklären. Zugegeben ein riskanter Job bei dem man sich nicht nur Freunde macht – doch ich habe (hoffentlich) was daraus gelernt. Später dann vor dem Abitur war ich „der Thyssen“ (Nach dem dt. Industriellen und Stahlbaron), weil ich stets mit meinen langen, abgetragenen, dunklen ehemaligen Sonntagsmantel zur Schule ging.

Im Beruf nannte man mich bisweilen „Suppe“ und der skurrile Hintergrund war, dass ich bei einem Buffet gefragt worden war, ob ich eine Suppe wünsche. Ich war geistig abwesend und antwortete daher auf die Frage „Suppe?“ mit: „Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor, denn mein Name ist …“ Die Witze über diese Begebenheit bin ich nie wieder losgeworden. Später dann hatte der Chef einer Landeskammer begonnen, mich regelmäßig mit „Professor“ anzusprechen, doch das ließ sich seit meine Pennäler-Zeit halbwegs mit Fassung tragen.

Wirklich anfreunden konnte ich mich allerdings nie mit diesen Verballhornungen und meine Ehefrau und ich haben daher seit jeher die eigenen Kinder stets mit ihrem vollen eigentlichen Namen gerufen. Gegen die zeitgeistigen Modeströmungen ist jedoch kein Kraut gewachsen und so blieb es nicht aus, dass die Kinder im Freundeskreis sehr wohl ihre Spitznamen bekamen und sogar auch gern selbst für sich verwendeten. So gilt unser Jüngster, der Matthias, selbstredend als „Matti“ und da die beiden Älteren, die Barbara und der Fabian, in ihrer Schulzeit und danach im Freundeskreis vieles gemeinsam unternahmen, hatte ich einmal sogar mitbekommen, wie sie Einladungen mit „Babsi und Fabsi“ unterschrieben. In solchen Momenten fühlt man sich von einem Moment zum anderen recht alt.

© Klaus Schedler 16.10.2019