Intensivstation – Nein, lustig ist anders

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Intensivstation – Nein, lustig ist anders | story.one

Keine Uhr zu sehen - kein Wunder, weil ich direkt unter einer lag. Doch mit jedem Erwachen aus meiner geistigen Dämmerung war es in der Intensivstation heller geworden. Bald befand ich mich in einer ziemlich einseitigen „Morgentoilette“: Da ich selbst praktisch zu keiner aktiven Bewegung fähig war bzw. nicht die geringste Lust dazu verspürte, kümmerten sich zwei Schwestern in äußerst professioneller Weise um meine Körperpflege. Eine der Beiden fragte, wie es mir gehe und ich antwortete mit schwerer Zunge „Danke, so halt. Sowas hat zuletzt meine Mutter mit mir bei der Babypflege gemacht. Ist aber schon einige Jahre her.“ Von irgendwo bekam ich eine Zahnbüste mit Zahncreme gereicht, wobei die Bürste so aussah, als ob sie eben aus einem Geschirrspüler genommen worden wäre. Da ich aber durchaus den Wunsch hatte, mir die Zähne zu putzen, zog ich es vor, keine dummen Fragen über Alter und bisherigen Verwendungszweck der dargereichten Bürste zu stellen.

Nun trat jemand an mein Bett und sagte, ich werde schon bald wieder auf die Station kommen. Kurz darauf wurde ich Opfer einer übereifrigen Bewegungstherapeutin, die meinte, dass ich doch mal versuchen sollte, mich aufzusetzen. Meine Antwort „Ich glaube weder, dass ich das kann noch versuchen sollte“ wurde schlichtweg mit den Worten quittiert: „Ach was, gemeinsam schaffen wir das!“ ... und schon ging es los. Tatsächlich haben wir es hinbekommen, doch hatte ich unterhalb meiner OP-Wunde ziemliche Schmerzen und als ich mich wieder niederlegte, zeigte sich, dass ich an eben jener schmerzenden Stelle aus der dort befindlichen Drainage eine ziemliche Menge Flüssigkeit verloren hatte, die auf dem Laken einen großen nassen Fleck bildete.

Die Physiotherapeutin machte sich daraufhin schnell aus dem Staub, während bei mir das Laken gewechselt wurde – eine Übung, auf die ich getrost hätte verzichten können, weil praktisch jede große Körperbewegung noch mit Schmerzen verbunden war. Nachdem dies geschehen war, verging der Schmerz zwar langsam wieder, doch hege ich seitdem eine gewisse Skepsis gegenüber Physiotherapeuten.

Dann die Visite mit einer etwas betulich wirkenden Ärztin, die mir auf die Frage, wozu denn die „hübsche Leuchtfinger Ableitung“ an meinem Zeigefinger gut sei, äußerst detailliert die Funktion eines Pulsoximeters erklärte. Aus Höflichkeit fühlte ich mich verpflichtet ihr zu folgen, doch habe ich angesichts der Ausführlichkeit, für die mir noch einiges an Verständnis fehlte, meine Frage mehrfach und intensivst bedauert.

Bei den durch den Lakenwechsel erzwungenen Bewegungen hatte ich übrigens mehr von meiner Umgebung ausgemacht. So erkannte ich links neben mir meinen ehemaligen Zimmergenossen Francesco. Bei dem darauf folgendem „Großen Aufbruch“ wünschte ich ihm noch Alles Gute. Er erkannte mich zwar, erschien mir jedoch noch ziemlich „mitgenommen“ und dann war sein Bett auch schon herausgeschoben worden. Ich folgte wenig später in die Station.

© Klaus Schedler 08.03.2020