Kann ich mir mal Ihre Kirche ausleihen?

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Kann ich mir mal Ihre Kirche ausleihen? | story.one

Welche ist die nächstbeste Kirche? So eine Frage ist leicht gestellt, doch ist das Verfahren nicht so einfach, vor allem dann, wenn unterschiedliche Kirchenbezirke (eigtl: Superintendenturen) betroffen sind. Doch wie kommt man überhaupt auf eine solche Idee?

Im Jahr 2009 war ich im Oberen Waldviertel zum evangelischen Lektor bestellt worden, d.h. ähnlich wie die Diakone in der römischen Kirche, darf ich seitdem Gottesdienste halten. Beruflich war ich damals in der Wirtschaftskammer Österreich in der Wiedner Hauptstraße tätig. Im Kollegenkreis waren einige daran interessiert, mich einmal im Predigertalar zu sehen. Dafür jedoch an einem Sonntag 150 km zu meinem Pfarrbezirk zurückzulegen, schreckte viele ab. Mein Chef fragte also, ob ich nicht wochentags nach Dienstschluss einen Gottesdienst in Wien halten könnte.

Die nächstgelegene evangelische Kirche kennt in Wien fast jeder: Es ist die Christuskirche am Matzleinsdorfer Platz: Gut sichtbar steht sie, von einem Friedhof umgeben, allein an einem der meistfrequentierten Verkehrsknotenpunkte Wiens. „Kann ich mir mal Ihre Kirche ausleihen?“ so im Kern meine Anfrage an Dr. Michael Wolf, dem dortigen Pfarrer. Er brauchte überhaupt nicht überredet zu werden. Rasch einigten wir uns auf Donnerstag den 24. März 2011 um 17:00. Er selbst sei verhindert, doch würde er einfach die Kirchentür unversperrt lassen.

Nicht nur meine Kollegen nahmen in großer Zahl am Gottesdienst teil, sondern auch die Wiener Freunde kamen vorbei. Wahrscheinlich nicht nur deshalb, weil ihnen der Gottesdienst ein Anliegen war, sondern auch, weil sie neugierig waren und die Aussicht, sich nachher in einem Restaurant zu treffen hat sicher ebenfalls eine Rolle gespielt. Ich sprach in der Predigt über das „Scherflein der armen Witwe“ (Mk 12, 41-44) und erläuterte das Wesen eines Opfers anhand des Bildes von dem Huhn und dem Schwein: Das Huhn macht es sich leicht und spendet ein Ei. Will das Schwein jedoch ein Schnitzel spenden, so geht das essentiell an die Substanz. Wie aber findet man die angemessene Mitte? Alles klappte bestens und gegen Ende des Gottesdienstes tauchte sogar noch Dr. Wolf auf.

Beim Zusammenräumen fragte er mich, wie viele von den Besuchern eigentlich evangelisch gewesen wären. Die Antwort war einfach „Nur wir zwei.“ Wir lachten. „Sie können mal wieder vorbeischauen.“ meinte Dr. Wolf – und nach einem kundigen Blick auf das Glas mit den gesammelten Spenden ergänzte er „Sie können sogar sehr gerne wieder vorbeikommen.“ Haben wir auch bis zu meinem Ruhestand gemacht.

© Klaus Schedler 03.07.2019