Meine Vermessung der Welt

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Auch jene Arbeiten, die unbemerkt erledigt werden, können mächtig ins Geld gehen. Dies wird wohl auch jener westfälische Bauer erfahren haben, der um 1967 beim Landvermesser eine Grundstücksteilung beauftragt hatte, weil er neben seinem Hof das straßenseitige Areal um gutes Geld als Baugründe parzellieren lassen wollte.

Ich hatte damals einen Ferialjob als „Messgehilfe“ angenommen. Wir waren zu zweit in Begleitung eines Geometers unterwegs und trafen an einem trüb regnerischen Morgen am betreffenden Grund ein. Der Hof unseres Auftraggebers war in Sichtweite, doch anscheinend hatten um dieser Zeit dort alle im Stall zu tun.

Wir suchten die Grenzsteine, doch fanden wir beim besten Willen überhaupt keinen einzigen, obwohl deren mehrere im Plan eingezeichnet waren. An einer Ecke begannen wir mit mehreren Probegrabungen, doch unser erfahrener Ingenieur sagte schon nach wenigen Schaufeln „Hört auf, da ist nie gegraben worden.“ Dann endlich fanden wir eine aussichtsreiche Stelle und ab etwa 40 cm grub unser Chef selbst ganz vorsichtig weiter, weil er hoffte, auf den Tonkegel oder auf Scherben zu stoßen, über der dann der verlorene Stein gesetzt worden wäre. Doch auch er hatte keinen Erfolg. Da kam mein Kollege und sagte, dass er in den Sträuchern daneben 3 Grenzsteine gefunden hätte. Offensichtlich hatte der Bauer sie nacheinander mit dem Pflug umgeackert und dort hinterlegt.

„Tja geht nicht anders, da müssen wir neu anmessen – und das wird dann teuer.“ stellte der Ingenieur fest. Er suchte im Plan einen verlässlichen Bezugspunkt und fand ihn in Form eines Polygonpunktes in etwa 1,2 km Entfernung Luftlinie. Wir packten also alles wieder ins Auto, fuhren in ein Wäldchen, suchten dort diesen Punkt und erreichten gegen Mittag des darauffolgenden Tages wieder unseren Ausgangspunkt – jetzt jedoch in der festen Gewissheit, die Welt nunmehr in Ordnung bringen zu können. Gerade waren wir dabei, den ersten Grenzstein an seinen angestammten Platz zu setzen, als der Bauer in Gummistiefeln und mit einer Flasche Korn erschien.

„Tach Männer! Is ja man jut, dat ik euch gleich sech. Weil ik hab darüver nachjedacht und denk jetz, ik will alles so lassen wie et is: Ik will dat Feld behalten. Ihr könnt also de Arbeit vergessen. - Und en kleen Korn tut alltejt jut, nech?!“

Anscheinend dürfte er der Auffassung gewesen sein, dass wir erst vor weniger als einer Stunde mit unserer Arbeit begonnen hätten. Unser Ingenieur wollte ihn in diesem Sinne vorwarnen und meinte also „Ja, Herr Klüvenkamp, das ist ja gut und schön, aber sie wissen schon, dass wir Ihnen unsere bisherige Leistung mit allem was dazugehört berechnen müssen. Und wenn wir schon mal hier sind, sollten wir doch wohl auch die fehlenden Steine neu setzen, oder?“

„Jau, dat macht man allet, damit Ihr nich für nix und wieder nix jekommen seid. Dat geht schon kloar! – Noch’n Korn für die Jungs?“ Damit waren wir Messgehilfen gemeint, denn unser Chef musste ja noch fahren. Wir sagten nicht nein.

© Klaus Schedler 24.11.2019