Reicher Kindersegen

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Reicher Kindersegen | story.one

„… und erbittet die Fülle der göttlichen Gnaden.“ Mit diesen Worten endet unser „Päpstlicher Segen“. Es ist dies eine schmuckvoll gestaltete Urkunde mit dem Bild des Papstes und der gleichsam amtlichen Segensausfertigung. Ein älterer Freund und Kollege meiner Frau verfügte über gute Kontakte zu diversen Einrichtungen im Vatikan und hatte uns 1988 diesen Segen vermittelt. Der weitere Hintergrund ist leicht erklärt. Papst war damals Johannes Paul II. und jener Kollege arbeitete in Österreich in einer landwirtschaftlichen Interessenvertretung. In Polen war dies die Zeit der erstarkenden Gewerkschaftsbewegung Solidarność, die trotz des seit dem Kriegsrecht bestandenen offiziellen Verbotes über intensive Kontakte zu ausländischen Gewerkschaften bzw. vergleichbaren Einrichtungen der Landwirtschaft verfügte.

Politik und Kirche sind in Polen seit jeher eng miteinander verwoben und jener Kollege hatte sich in der Vergangenheit dadurch ausgezeichnet, dass er für die polnischen Freunde Besuche bei „ihrem Papst Wojtyła“ vermittelte und anscheinend war diese Aktivität sowohl von vatikanischer, als auch von polnischer Seite wohlwollend registriert worden. Der Bitte des Kollegen um einen persönlichen Segen für meine Frau und für mich wurde gern entsprochen. Dass ich evangelisch bin, hat offensichtlich keine Rolle gespielt und mich hat diese unerwartete Toleranz ehrlich beeindruckt. Der empfangene Segen wurde somit Mai 1988 im Schlafzimmer unserer Wiener Wohnung aufgehängt.

Wir hatten damals bereits zwei Kinder und waren damit eigentlich recht zufrieden. Ganz unerwartet kündigte sich nun jedoch ein weiteres Kind an, das im März 1989 geboren wurde. Natürlich freuten wir uns über unseren Nachzügler, doch war uns auch klar, dass ab jetzt weitere Kinder zur Herausforderung werden konnten, denn nun würde der Wohnraum knapp werden. Zur Sicherheit nahm ich den Segen von der Wand und legte ihn bis auf weiteres oben auf den Schlafzimmerschrank.

War es nun Zufall oder nicht? Jedenfalls wurde kurze Zeit später die Ehefrau des im Stockwerk über uns wohnenden Nachbarn schwanger. Um ganz sicher zu gehen entschlossen meine Frau und ich uns also, den Segen in unser Haus ins Waldviertel zu bringen und ihn dort aufzuhängen. Dort wohnten in der von uns nicht benutzen Haushälfte unsere Mieter, beides Maurer aus Tschechien, die im Sommer 1990 gleich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs rübergekommen waren. Sie waren während der Woche dort und am Wochenende fuhren sie heim. Wenn wir also am Freitagabend kamen, waren sie schon weg. Lediglich im Urlaub trafen wir einander. Die beiden waren amüsiert, als ich den Segen im Stiegenhaus aufhängte und lachten, als ich ihnen den Hintergrund erklärte.

Klar, dass aufgrund der biologischen Unmöglichkeit der Segen zumindest in ihrer gemeinsamen Wohnung seine augenscheinliche Wirkung nicht entfalten konnte und wir waren ihm an höchstens zwei Tagen pro Woche zu wenig ausgesetzt.

© Klaus Schedler 24.08.2019