Schienenersatzverkehr durchs Bebengebiet

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Schienenersatzverkehr durchs Bebengebiet | story.one

Morgennachrichten am 7. Mai 1976: Am Vorabend hatte es in Friaul ein Erdbeben gegeben. Genaueres sei noch nicht bekannt. Erst 4 Jahre zuvor hatte ich mein bislang einziges Erdbeben im Raum Wr. Neustadt erlebt. Die Erdstöße schreckten mich an einem Sonntagvormittag aus dem Bett. Nach wenigen Sekunden war alles vorbei und außer einigen Sachschäden nichts passiert.

Erdbeben sind im Alpenraum keine Seltenheit und eben aufgrund des relativ häufigen Auftretens kleinerer Beben, bleiben wir von schweren Beben verschont. Somit hoffte ich, dass dieses Beben im Kanaltal ohne größeren Schäden bliebe. Dann aber überschlugen sich die Meldungen: Es hatte Tote und viele Verletzte gegeben und in Orten wie Tolmezzo und Gemona gäbe es mehrere hundert Obdachlose. Gegen Abend zeichnete sich ab, dass es wohl etwa 1.000 Tote, tausende Verletze und zigtausend Obdachlose gebe. Am Samstag hieß es dann, dass die medizinische Versorgung zusammenbrechen könnte, Trinkwasser sei rar und man befürchte den Ausbruch von Seuchen unter den Überlebenden.

Betroffen waren Orte ganz ähnlich wie bei uns mit Leuten, genauso wie wir! Mir wurde schlagartig klar, wie hauchdünn auch bei uns die gläserne Decke ist, die uns vor solchen Naturkatastrophen schützt. Was dort in Friaul geschehen war, hätte ebenso auch im Südlichen Niederösterreich auf der Thermenlinie passieren können.

Meine Eltern hatten für Ende Mai meine Freundin und mich zu ihrem Urlaub nach Lignano an der Adria eingeladen. Sollten wir so kurz nach dem Erdbeben durch das Katastrophengebiet fahren? Technisch war es möglich und Freunde ermutigten uns dazu, denn es sei niemandem damit geholfen, wenn nun auch die Nächtigungszahlen an der Adria einbrechen. Beklemmend war es aber schon, als wir mit den Eltern im Auto fahrend bei Gemona an vollkommen zerstörten alten Häusern vorbeifuhren: Zusammengebrochene Mauern und über diesem Schutthafen lag ein skurril verschobener, ansonsten jedoch oft ein fast unversehrter Dachstuhl mit Ziegeln. Das Leben begann sich aber schon spürbar wieder zu normalisieren.

Wir blieben nur eine Woche und mein Vater brachte uns zurück bis Udine, von wo aus ein Schienenersatzverkehr mit Bussen nach Villach eingerichtet war. Wir saßen ganz weit vorn, was ich später bereuen sollte, da ich damals noch nicht mit dem Fahrstil wahrer italienischer Busfahrer vertraut war. Bald konnte ich feststellen, dass unser Fahrer seinen Bus wie einen italienischen Sportwagen durch das Katastrophengebiet lenkte. Lebensbejahende Eleganz pur: Keine Kurve war zu unübersichtlich und kein Überholmanöver zu riskant, um an einem Sattelschlepper vorbeizuziehen. Zugegeben, der Bus war erstaunlich leistungsstark und seine Hupe so beindruckend, dass tatsächlich alle anderen Verkehrsteilnehmer in Ehrfurcht erstarrten. Ebenso erstarrt bin auch ich in Villach angekommen und meine Freundin geleitete mich zum Zug nach Wien: Erst im Zugabteil fühlte ich mich wieder halbwegs sicher.

© Klaus Schedler 14.08.2019