Zugverspätung im damals „Neuen Austrotakt"

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Zugverspätung im damals „Neuen Austrotakt" | story.one

Mit dem Zug von Wien Meidling nach Bruck an der Mur. Dort umsteigen und zurück nach Kapfenberg. Dort war für 10:30 der Termin vereinbart. Zu blöd und zu allem Überfluss hatten wir schon nach dem Semmering fast 20 Minuten Verspätung. „Wartet der Anschlusszug in Bruck unsere Verspätung ab?“ fragte ich den Schaffner, nachdem wir Mürzzuschlag passiert hatten. Er schaute ins Kursbuch und bestätigte meine Befürchtung. „Ich glaube nein, aber der nächste geht dann im Takt … ?? … exakt eine Stunde später.“ Meine Reaktion war deutlich „Ja, dann kann ich gleich wieder heimfahren, denn mein Kunde hat nur bis Mittag Zeit.

Es war mehr als ärgerlich. Wir schrieben das Jahr 1991 und die Österreichischen Bundesbahnen hatten soeben erstmals werbewirksam den sogenannten "Neuen Austrotakt" (NAT) mit einem bundesweiten Taktfahrplan eingeführt. Zugegeben ein tolles Projekt, doch natürlich nicht ohne die unausweichlichen „Kinderkrankheiten“. Zuvor hatten die meisten Züge in Kapfenberg gehalten, doch nun musste man „getaktet“ weiterfahren und dann wieder zurück. Und es stimmte: Unser Institut hatte sich um einen Forschungsauftrag beim Joanneum zur Entwicklung der in Kapfenberg geplanten Fachhochschul-Studiengänge beworben. Ich war zu einem Hearing eingeladen worden, um den eingereichten Projektplan zu erläutern. Handys gab es damals praktisch noch nicht und der Zug hatte keinen Speisewagen, in denen es seinerzeit meist ein Abteil mit Zugtelefon gab. Die Lage erschien mir aussichtslos. Immerhin ging es für uns um eine Menge Geld, um eine kontinuierliche Markpräsenz und um die Arbeit von mindestens zwei jungen ForscherInnen. Ein absoluter Pflichttermin und ich hatte also schuldlos versagt. Schon sah ich unsere Felle davonschwimmen, denn bekanntlich schläft die Konkurrenz nicht. Kurzum: Ich war stocksauer.

Der Schaffner jedoch zeigte Verständnis für meine Situation. Er dachte nach, rieb sich die Nase und sagte dann Folgendes „Also versprechen kann ich nichts und eine Verspätung haben wir sowieso schon. Sie kennen offensichtlich die Strecke und wissen daher, wann Kapfenberg kommt. Wenn’s soweit ist, machen Sie sich fertig und warten Sie, was passiert. Mehr sag ich nicht.“

Vor Kapfenberg war ich bereit und tatsächlich: Der Zug verlangsamte sein Tempo und blieb dann sogar für den Bruchteil einer Sekunde im Bahnhof stehen. Ich sprang aus dem Zug, knallte die Tür zu und als der Gepäckwagen an mir vorbeiführ, sah ich den Schaffner mit einer “Daumen-Hoch-Geste“ in der offenen Tür stehen. Ich habe ihm nur freundlich zugenickt, damit nicht allzu viele Leute etwas von unsrer geheimen Vereinbarung mitbekamen. Jetzt nach mehr als einem Vierteljahrhundert wird man aber wohl darüber reden können. Und mein Termin? Ja, ich hatte ihn einhalten können. Also alles bestens!

© Klaus Schedler 16.07.2019