Feuer und Wasser

Nach dem ersten Foto schalte ich die Kamera aus und stecke sie in den Rucksack. Das Geschehen auf der gegenüberliegenden Seite des verdreckten Flusses hält mich fest. Ich kann mich nicht abwenden. Meine erste Leichenverbrennung. Kein Gruseln stellt sich ein, kein Horrorgefühl. Die Zeremonie hat etwas Friedvolles an sich. Kurz nach ihrem Tod werden die Menschen des Kathmandu-Tales an den Ghats des Bagmati verbrannt. Wer an dieser Stelle kremiert wird, wird nicht als Tier wiedergeboren, sondern als Mensch. So hat es der gefürchtete Shiva verfügt.

Auf einer Terrasse über dem Fluss sind Scheiterhaufen vorbereitet. Eine in gelbe Tücher gehüllte Leiche wird auf einer Bambustrage herbeigebracht. Am Verbrennungsritus nehmen keine Frauen teil. Sie trauern zu Hause, erfahre ich später. Zwei Helfer besprengen die sterblichen Überreste mit Wasser aus dem Bagmati und bedecken den Leichnam mit trockenem Schilf. Das Zeremoniell geht in pietätsvoller Langsamkeit vor sich. Ich bewege mich nicht, um die Männer nicht zu stören. Wie groß soll der Respektabstand sein? Ich denke wie zu Hause und fühle mich ein wenig wie ein Voyeur. Hier geht es nicht um Meter oder Minuten. Eine anhaltende Ergriffenheit lässt mich ausharren. Weniger als vierzig Meter bin ich entfernt. Uns trennen der Fluss und der Tod. Ein kahl geschorener Mann in weißer Kleidung steigt wenige Stufen hinunter und schreitet mehrmals um den Scheiterhaufen. Es obliegt dem Sohn, mit einem Strohbündel das Holz zu entzünden. Als der Scheiterhaufen brennt, verlässt der Sohn den Feuerplatz. Zwei ärmlich gekleidete Helfer kümmern sich um den Fortgang der Zeremonie. Werden die Flammenzungen kürzer, legen sie nach. Es knackt und knistert, als wäre es ein gewöhnliches Feuer. Ein angenehmer Geruch dringt zu mir herüber. Die beiden werfen von Zeit zu Zeit wohlriechendes Sandelholz in die Flammen. Der Tod gilt den Hindus als das unreinste Ereignis im Leben, deshalb ist eine Verbrennung ein Akt der Reinigung. Zu welchem Zeitpunkt verlässt die Seele den Körper in die Freiheit? Wieder ein Gedanke eines Menschen aus dem Westen. Die Zeit hat hier keine Bedeutung, sage ich mir dann. Flussabwärts steigen weitere Rauchsäulen empor. Das nächste Leichenbündel wird gebracht. Ein Haufen glosender Asche bleibt übrig. In ihrer letzten Handlung kippen die Helfer die Überreste in den Fluss.

Alles Weitere ist Aufgabe des Bagmati. Er wird die Asche bis zum heiligen Ganges tragen, dann ist die Seele für ihre Wiedergeburt bereit. An das Unvergängliche glauben die allein, die es selber sind. Unterhalb der Verbrennungsplätze suchen die Mittellosen beim Baden nach angeschwemmtem Schmuck oder Zahngold. Nichts geht verloren in einem armen Land.

© Konrad Schmid