Lieber den Trostpreis

Seit Wochen war ich zu Fuß unterwegs. Seit Stunden attackierte der Hunger den Bauch und die Laune. Vorbei an Wiesen mit Pferdebestand schritt ich an der Peripherie einer größeren Stadt auf eine Konsumzone zu, die ohne Gehsteige und Zebrastreifen auskam. Vom Drehteller des Kreisverkehrs wurden die Autos in die Zufahrtsschleusen der Parkhäuser katapultiert, wo die Fahrt mit Einkaufswagen weitergehen konnte.

In einer Burger-Station gelang es mir, den Hunger im Sitzen zu stillen. Der Hartschalensessel limitierte meine Verweildauer auf 12 Minuten. Die anderen Gäste an den schaufenstergroßen Klarsichtwänden gaben ein durchwegs zufriedenes Bild ab. Ich müsste mich noch anpassen, schloss ich schuldbewusst aus dem Unterschied zwischen ihnen und mir. Den Kaffee aus To-go sollte ich, so empfahl es die Aufschrift des Bechers, gefälligst outdoor genießen. An der Kasse fragte die koreanisch anmutende Frau nach meiner Stammkunden-Card. Verlegen mich räuspernd entschuldigte ich mich für das Fehlen einer solchen.

Es gebe nur noch heute eine Spezialaktion für Neukunden, ratterte sie mit ihrer Kinderstimme los. Nach 99 Burgern nimmst du an einer Verlosung teil, der Hauptgewinn ist ein ganzer Tag mit einem Cabrio. Voll cool! Sie fügte noch hinzu, dass die Gewinner über ihre Autokennzeichen ermittelt werden, und strahlte mich mit ihren dunklen Mandelaugen an.

Postwendend brach in meinem Inneren ein Konflikt aus. Das scharf nachbrennende Ketchup musste sich gegen das auflodernde Schamgefühl wegen dauerhafter Autolosigkeit behaupten. Mir käme der Trostpreis gelegen, vielleicht ein Tag mit einer Pferdedroschke, entgegnete ich schüchtern und blickte wie einer, der den Zug versäumt hatte.

Vielleicht hast du Glück, tönte sie euphorisch und bat mich um meine Daten. Als Kennzeichen gab ich "Größe 43" an, dann war sie zufrieden.

"Noch einen angenehmen Tag und gute Fahrt!"

© Konrad Schmid