Besuch der Zweifel

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Besuch der Zweifel | story.one

Inmitten einer kleineren Gruppe zusammengewürfelter Menschen aus den verschiedensten Orten deutschsprachiger Länder biege ich schweigend von der Schotterstraße in einen verwachsenen Waldweg ein. Die rufe der Vögel und das knacken der tiefhängenden Äste begleiten mich bei jedem meiner langsamen Schritte. Ansonsten ist es ganz ruhig. Niemand spricht. Der Wald erzählt genug. Das hochgewachsene Gras umspielt sanft meine Beine, Brennessel geben mir ihren schmerzenden Gruß mit auf den Weg. Nach dem Übersteigen einer Schnellstraße der Waldameisen blicke ich auf und erkenne schon das Ziel der Pilgerschaft: Eine kleine gras- und moosbewachsene Lichtung begrenzt von Kiefern, Ahorn, Buchen und Fichten erstrahlt im Licht der Vormittagssonne.

Es ist der letzte Tag des Pfingstwochenendes und ich sehe mich im Menschenkreis der TeilnehmerInnen des Symposiums "Gemeinsinniges Wirtschaften" um. Junge Frauen, alte Männer, Kinder...alle schweigend, aber innerlich zufrieden lächelnd. Sie alle sind hier, um das vergangene Seminarwochenende geistig abzuschließen. Intensive Gespräche, aufregende Diskusionen, berührende Geschichten. Die bleibensten Eindrücke durchlaufen nochmals mein Bewusstsein. Es waren Tage voll Mut und Kraft, voll Liebe und Gemeinschaft.

Ich denke zurück an die Abschlusszeremonie des Vorjahres. Es waren nicht dieselben Menschen, doch die Lichtung war dieselbe. Jeder teilte damals einen Apfel in zwei Hälften. Eine Hälfte symbolisierte, was aus dem Symposium mitgenommen wurde, die andere Hälfte stand für das, was hier im Wald zurückgelassen werden sollte. Ich nahm die Motivation mit eine kleine Gemüsegärtnerei zu starten und aß die erste Apfelhäfte. Zweifel, dass das Projekt nicht funktionieren könnte, ließ ich im Wald. Diese Apfelhäfte warf ich so weit ich nur konnte zwischen die dicht stehenden Bäume hindurch.

Hier bin ich nun wieder, ein Jahr später als Teilzeitgärtner. Meine Zweifel in Sichtweite. Selbstbewusst betrachte ich die Stelle, an der ich mich von ihnen verabschiedet hatte. Die Zweifel liegen dort getrennt von mir. Ich kann mit ihnen in Kontakt treten, kann sie aufsuchen, trage die Zweifel aber nicht in mir. Es gibt keinen Grund sie zu fürchten.

Solche Erkenntnisse sind es wert geteilt zu werden! Ich schreite in die Mitte des Kreises, es ist an der Zeit mein Schweigen zu beenden. Ich folge als Erster der Einladung der Organisatorin und teile meine Gedanken:

"Liebe Freundinnen und Freunde, ich komme hier heute zurück an den Ort, an dem ich im vergangenen Jahr meine Zweifel zurückließ, die mich davon abhielten ein Herzensprojekt umszusetzen. Ich möchte euch sagen, dass es ein wunderbares Gefühl ist, von seinen Zweifeln getrennt zu sein, aber auch zu wissen, wo sie liegen. Eines ist jedenfalls gewiss: Es reicht voll und ganz seine Zweifel einmal im Jahr zu besuchen!"

© KrautundRuam 11.06.2019