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Das Nachthemd im Ofen

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Das Nachthemd im Ofen | story.one

An einem Februartag, welcher weder ein Winter- noch ein Frühlingstag war, machte in mich vom Wallersee auf in die Berge nach Ruhpolding zu meiner Oma. Nach dem Abendessen mit ihr und Tante T. (aus Hamburg angereist) plauderten wir lange gemütlich bei Rotwein und Holunderlikör, hausgemacht, versteht sich von selbst.

Kurz vor dem zu Bette gehen, ging ich raus auf den Balkon, blickte in den mit Sternen übersäten Himmel, sog die kalte Luft ein. Herrlich. Ich bekam einen klaren Kopf.

Wieder in der guten Stube, nahm mich meine Oma an den Händen und sagte: „Ja, Dirndl, du host ja ganz koide Händ. I mach da a Wamfloschn (Ja, Mädchen, du hast ja ganz kalte Hände, ich mach dir eine Wärmflasche)“. Mehrmals versuchte ich ihr klar zu machen, dass ich keine solche brauche. Wärmte mich doch der Wein von innen. Half aber alles nichts. Schnell wurde Wasser gekocht und das fast glühende Ding in mein Bettchen gelegt. Aber damit noch nicht genug: Das Nachthemd, das sie mir lieh, wurde in das Rohr des eingeheizten Holzofens gelegt, damit es ja schön warm wird. Da sag ich nur: „Typisch meine Oma eben.“ Es wunderte mich ein wenig, dass das hocherotische Stück Stoff nicht Feuer fing.

Wir teilen uns immer ihr Bett, meine Oma und ich, wenn ich ihr Gast bin. Nachdem ich die Nacht überlebt hatte, meiner eigenen Kraft war dank, zog sie mir doch die schwere Bettdecke fast bis ganz über den Kopf, damit ich ihr ja nicht erfrierte. Doch mit meinen fast 30 Jahren schaffte ich es, mich davon zu befreien und war somit einem Erstickungstod entkommen. Welch ein Glück!

So saßen wir drei also am nächsten Tag beim gemütlichen Geburtstagsfrühstück (meine Omi hatte ihr Jubelfest an diesem Tag) und schmiedeten Pläne für eine gemeinsame Wanderung. Nach dem Essen (in aller Ruhe, denn das ist ihr immer sehr wichtig meiner Oma) machten wir uns auf den Weg. Das “Zeller-Bergl“ war unser Ziel. Auf den Weg dorthin erblickte ich drei riesige Ameisenhaufen. Ich bewundere diese Insekten sehr. Können sie doch Tannennadeln,... tragen, welche das vielfache Gewicht ihres eigenen Körpergewichts haben. Für mich sehr beeindruckend. Immer wieder.

Ich beobachtete die emsigen Tierchen ein wenig und plötzlich kam mir eine Wanderung in den Sinn, welche ich ebenfalls mit meiner Oma unternahm: Wir bestiegen die Hörndlwand in Ruhpolding. Beim Abstieg erspähte ich eine Ameisenstraße und sagte zu meiner Oma: „Pass auf, da sind Ameisen.“ Sie verstand natürlich, dass ich nicht wollte, dass sie diese nicht zusammen stieg. Wohl aber nicht ein anderer Bergsteiger, der uns entgegenkam. Er schaute mich belustigt an. Bestimmt hatte er gedacht: „Was? Die hat Angst vor Ameisen?“ Er wusste ja schließlich nicht, wie sehr ich diese Tierchen bewundere.

So fleißig wie diese Insekten sind, ist ja nicht mal meine Oma. Wobei, wieso immer vergleichen? Wer ist tüchtiger? Wer besser? Wer die wohl Schönste im ganzen Land? Ist doch jeder auf seine eigene Art und Weise einzigartig. Eigenartig.

Meine Oma und die Ameise. Und du und ich

© Kristina Fenninger 08.03.2020

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