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Der Bub auf der Kugel

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Der Bub auf der Kugel | story.one

Kreativität findet er super, der Herr Klassenvorstand. Doch wäre es ihm 1000 Mal lieber, seine Schüler würden sie in der Kunsterziehung anwenden und nicht im Blödsinn machen.

Wir schreiben das Jahr 2007. Eine Stadtwanderung durch Salzburg mit Besuch im Kaffeehaus steht heute auf dem Stundenplan. Nach dem Einkehrschwung geht es zur Dombesichtigung. Lustig haben sie es, die Heranwachsenden. Der Professor gönnt ihnen den Spaß. Sowieso wird das Leben noch die eine und andere Herausforderung für jeden seiner Schüler bereithalten. Schön, wenn es ihnen jetzt in ihren Jugendjahren gelingt, Leichtigkeit zu leben. Der Himmelvater wird wohl nichts dagegen haben, wenn es auch in kirchlichen Gemäuern nicht ganz so streng runter geht, da ist er sicher. Nach dem Verlassen des Doms zählt er seine Schüler durch. Einmal, zweimal, dreimal. "Das gibt es doch nicht, zwei fehlen!" Er befiehlt der restlichen Klasse schön brav stehen zu bleiben, während er sich selbst noch einmal in die Kirche begibt, um die zwei fehlenden Schäfchen zu suchen. Nichts! Er geht zurück zu seinen Schülern. "Vielleicht haben sie sich bereits wieder der Klasse angeschlossen", überlegt er. Doch dem ist leider nicht so. "Vorhin waren sie ja noch alle da. Sie müssen sich im Dom versteckt haben." Also betritt er das prunkvolle Gebäude hinter zwei Klosterschwestern erneut. Gerade als er sich mit Weihwasser bekreuzigt, schließlich sollen die Nonnen ein gutes Bild von ihm, dem Lehrer eines katholischen Gymnasiums haben, hört er ein lautes "Buuuhhh". Die Frauen erschrecken fürchterlich. "Nein, das kann nicht sein", denkt er sich und wirft den Damen einen entschuldigenden Blick zu.

Am liebsten würde er seinen Schülern jetzt die Ohren lang ziehen, doch natürlich beherrscht er sich. Er befiehlt ihnen, sofort nach draußen zu gehen. Dort kommen sie einem ordentlichen "Donnerwetter" nicht aus.

Nachdem er sich wieder etwas beruhigt hat, geht es nun weiter zum Kapitelplatz. Er weiß, dass dort einige Tage zuvor eine riesige goldene Kugel mit einem Durchmesser von 5 m aufgestellt worden ist. Er traut seinen Augen nicht, als er sieht, dass ein ihm mit dem Rücken zugewandter Bub dort oben steht. Den Schreck von vorher in der Kirche hat er noch nicht ganz verdaut. Zorn steigt in ihm hoch. "Komm sofort runter!" schreit er und überlegt, welcher seiner Schüler es wohl ist, der da oben steht. Als er nicht gehorcht, der Junge, geht er um die Kugel rum, um dem Übeltäter ins Gesicht zu sehen. Während er erneut zu schimpfen beginnt, bricht die ganz Klasse in schallendes Gelächter aus. Dass der Herr Professor nun ordentlich rot wird, brauche ich nicht extra zu erwähnen. Mensch, ist ihm das peinlich!

Doch immer, wenn er jetzt an der Kugel vorbei geht, denkt er an seine Klasse. Zwar haben sie ihm viele Nerven gekostet aber doch hatte er sie alle sehr lieb gewonnen.

Und der Mann steht auch heute noch immer tagein, tagaus auf der Kugel. Und man kann davon ausgehen, dass das noch viele Jahre so sein wird.

© Kristina Fenninger 16.09.2020

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