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Der Flügel

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Der Flügel | story.one

Es ist ein wettertechnisch durchwachsener Feierabend. Doch der Hund muss raus. Sowieso bin ich derzeit etwas rastlos und unruhig. Die Natur ruft. Das satte Grün gibt mir Kraft. Ich ziehe meine Turnschuhe an. Der Hund und ich spazieren los. Runter zum See wollen wir.

Dort angekommen zeigt sich die Sonne am Himmel. Ich setze mich auf einen Stein. Benny sucht sich einen Platz neben mir. Ich nehme die Brille ab. Die Abendsonne wärmt mein Gesicht. Wie gut das doch tut. Ich schließe die Augen und merke, wie ich mich entspanne.

Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich zwischen zwei Steinen etwas hervorblitzen. Etwas verschwommen, etwas unscharf ohne Brille.

„Was wird das sein?“, überlege ich. „Was Besonderes?“ „Soll ich es berühren, es aufheben?“, frage ich mich. „Bestimmt werde ich dann enttäuscht sein, denn was soll das schon sein?“ Doch die Neugier siegt. Vorsichtig nehme ich es an mich. Ich bin erstaunt. „Das filigrane Etwas muss wohl der Flügel einer Libelle sein?“ So zart. Ich freue mich über meinen Fund. Es dauert auch gar nicht lange, und ich finde einen zweiten Flügel. Ich möchte die zwei nirgendwo einstecken. „Bestimmt gehen sie sonst kaputt.“ Ich ziehe meine Jacke aus. Es ist jetzt nämlich angenehm warm. Ich lege die Flügel darauf. „Später, wenn ich heimgehe werde ich sie einfach vorsichtig zwischen zwei Finger nehmen. So wird es mir gelingen, meinen Fund unbeschädigt nachhause zu bringen.“ Doch ein leichter Windstoß bläst einen Flügel fort. Ich kann ihn nirgendwo mehr finden. Der zweite bleibt auf der Jacke. Jetzt möchte ich ein Foto machen. Ich suche mir einen Stein und lege den Flügel darauf. Dann hole ich mein Smartphone heraus und aktiviere die Kamera.

Ein leichter Wind geht noch immer, und der Flügel dreht sich voller Leichtigkeit. Es schaut aus, als wäre der Stein die Bühne, auf welcher der Flügel tanzt. „So federleicht durch das Leben tanzen, wie schön muss das doch sein?“

Manchmal gelingt mir das ja ganz gut. Manchmal.

Jetzt werde ich versuchen, noch mehr Leichtigkeit in mein Leben zu bringen. Ich stecke das Handy weg. Vorsichtig nehme ich den Flügel und ziehe meine Jacke an. „Komm Benny, wir gehen!“

Fast fühlt es sich jetzt an, als würden wir schweben.

© Kristina Fenninger 2020-05-30

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