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Die hat doch einen Vogel

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Die hat doch einen Vogel | story.one

Ich traf meinen Nachbarn beim Spazieren gehen. Wir plauderten ein wenig, und er begann zu erzählen: „Als ich ungefähr 17 Jahre alt war, zogen Menschen, welche ca. 1 Kilometer von meinem Elternhaus weg wohnten, eine Krähe auf. Einen Monat lang besuchte sie uns regelmäßig, dann kam sie nicht mehr. Sie war sehr frech, die Krähe. Einmal klaute sie den Schlüsselbund eines Feriengastes. Er war nicht mehr auffindbar. Der Schlüsseldienst musste kommen. Ein anderes Mal hängte die Ehefrau eines Bankdirektors das weiß bezogene Bettzeug zum Lüften beim Fenster hinaus. Der Vogel steckte an der Unterseite der Tuchent, wo sich die Knopfleiste befand, schwarze Johannisbeeren hinein. Die Wäsche war versaut, und die Begeisterung der Dame hielt sich sehr in Grenzen. Für uns Jugendliche war das natürlich alles sehr lustig.“ Ich musste herzhaft lachen.

Und er erzählte weiter: „Jetzt bin ich selbst auf einen Vogel gekommen. Auf unserer Terrasse sprang letztens eine Elster herum. Ich informierte mich und erfuhr, dass der Vogel zu klein und wohl zu jung war, um selbst durchzukommen. Also beschlossen wir, ihn aufzuziehen. Wir tauften ihn auf den Namen Freddie. Futter wurde gekauft. Um ihn vor der Nachbarkatze, welche großes Interesse an dem Vogel hatte, zu schützen, wurde ein Käfig gebaut. Es dauerte auch gar nicht lange, bis er sehr zutraulich wurde. Nach wenigen Tagen flog er auf meine Schulter und fraß mir aus der Hand.“ Ich war begeistert und fragte, ob ich den Vogel auch einmal anschauen darf. „Natürlich“.

Gestern war es dann so weit. Ich startete dem Piepmatz einen Besuch ab. Anfangs war er etwas schüchtern und suchte das Weite, als ich ihm zu nahe kam. Ich akzeptierte das natürlich. Schon nach wenigen Minuten aber saß er auf meiner Schulter. Dann auf meinem Kopf. Er kuschelte seinen Kopf in meine Haare. „Vielleicht sieht er meinen Kopf als Nest an?“, überlegte ich. „Bitte kein Geschäft darauf verrichten.“ Fliegen tut er bis jetzt nur von einer Schulter zur nächsten.

Ich war ganz begeistert von seinem wunderschönen blau-schimmernden, schwarz-weißen Federkleid. Er pickte mit seinem langen spitzen Schnabel an meinen Ohren herum. Vielleicht hatte er einen Wurm entdeckt. Schon seit Tagen nämlich habe ich einen Ohrwurm: „Ich will nur, dass du tanzt zu diesem Lied, ich will nur dass du glücklich bist Marie,...“. Einen Schrei ließ er los, während er direkt an meinem Ohr war. Ich will euch sagen, das tat richtig weh. Er sprang hinter mich und “zehrte“ an meiner Jogginghose. Auch meine Sandalen und die lackierten Nägel hatten es ihm angetan. Ich freute mich sehr über die nette Bekanntschaft.

Der Sohn meines Nachbarn hofft nun, dass der Vogel für immer bei ihnen bleiben wird. Wohl aber wird er früher oder später das Weite suchen. Vielleicht aber stattet er ihnen noch das eine oder andere Mal einen Besuch ab. Als Zeichen der Verbundenheit - zwischen Mensch und Tier. Ohne sie wäre er ziemlich sicher nicht mehr am Leben.

© Kristina Fenninger 2020-06-17

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