Die Tonschale

Handarbeiten in welcher Form auch immer war wahrlich nicht meine Stärke in der Schule.

Meine Werklehrerin, trieb ich nicht nur einmal fast in den Wahnsinn. Das beruhte aber auf Gegenseitigkeit, sie mich, nämlich auch.

Ich mochte sie nicht. Behandelte sie mich doch von oben herab. Zu mindestens wirkte das so auf mich.

Einmal, wir mussten die Borte, (ja, ich glaube, so nennt man das) eines Handtuches besticken. Ich wollte einfach nicht kapieren, wie der Stich funktioniert.

Fast im Minutentakt, stand ich vorne bei ihr am Pult, damit sie mir zum keine Ahnung wie vielten Male zeigte, wie der Stich funktioniert.

Gut, dass ich sie damit an ihre Grenzen gebracht habe, kann ich im Nachhinein sogar verstehen.

Öfter hab ich mir gedacht, jetzt hab ich's, aber dem war dann eben doch nicht so. Meine Borte blieb fast leer. Welche Note ich dann dafür bekommen hab? Ich weiß es nicht mehr.

Ein anderes Mal stand töpfern auf dem Plan. Und zwar eine Schale. Mein Rand wollte einfach nicht glatt werden. Er wurde wirklich sehr hügelig und rissig. Schaut irgendwie aus, als stehen lauter Fetzen weg. Ich ärgerte mich sehr und war traurig. Ich fühlte mich schlecht, mein Selbstbewusstsein war im Keller. Gelang es doch meinen Mitschülern viel besser als mir!

Einige wurden sehr gelobt, für ihr Tun.

Als das Werk dann fertig geschliffen (in meinem Fall gab es nicht wirklich etwas, was man hätte zu Recht schleifen hätte können) und glasiert war, wurde es natürlich benotet. Gerade, als meine Schüssel an der Reihe war, kam die Kollegin meiner Handarbeitslehrerin in unser Klassenzimmer. Meine Lehrerin zeigte ihr mein Werk und fragte sie vor der ganzen Schulklasse: „Was meinst Du, mehr als wie ein Fünfer (eine Fünf ist in Deutschland nicht die schlechteste Note, da gibt es auch noch eine Sechs) ist das nicht?“ Die Kollegin gab ihr recht.

So stand ich also vorne. Ich war dem Ganzen völlig ausgeliefert. Die ganze Klasse blickte auf mich. Wie ich mich fühlte, glaub ich, kann man sich gut vorstellen. Ich schämte mich sehr und war sehr traurig.

Heute bin ich stolz auf meine Tonschale. Es muss nicht immer alles so gerade und exakt sein. Auch ein schief gewachsener Baum zeigt sehr viel Charakter.

Vielleicht sogar mehr als ein Gerader?

© Kristina Fenninger