Geschmacksorgasmus

Kurz nachdem der Hahn das erste Mal kräht, stehen sie auf. Meine Schwiegermama in Spe und ihr Ehemann. Nach einem starken Kaffee und der Morgenzigarette machen sie sich an die Arbeit. Schließlich erwarten sie zu Mittag eine hungrige Meute. Bestehend aus der Mutter der Schwiegermama, den fünf Söhne plus zwei Schwiegertöchter in Spe.

Das Fleisch wird eingeritzt, sanft mit Knoblauch einmassiert und gewürzt. Dann kommt es für einige Stunden in den Ofen. Immer wieder wird es mit Bier übergossen. Kleinere und größere Knödel werden geformt, Kartoffeln und Karotten geschält. Die kleinen Knödel kommen zum Fleisch ins Rohr, ebenso wie die Kartoffeln und die Karotten. Die großen werden gekocht. Das Stöckelkraut wird zugestellt. Der Radi- und Krautsalat (klar, mit Speck, versteht sich ja von selbst) werden ANGEMACHT.

Wenn dann zu Mittag die hungrigen Mäuler eintreffen, duftet es herrlich nach frischem Braten und Kraut. Schon von der Straße aus kann man es riechen. Da kann es dann schon mal passieren, dass einem das Wasser quasi im Mund zusammenläuft.

Mit knurrenden Magen und voller Vorfreude auf das köstliche Mal nehmen wir Platz. Das Reindl wird in die Mitte gestellt. Schon beim bloßen Anblick der Kruste kann ich sie beinahe schmecken und höre sie schon zwischen den Zähnen krachen. Ein bisschen Angst hab ich aber schon immer davor, vor dieser Knödel-Rauberei. Da muss man dann wirklich aufpassen, dass man vom Sitznachbar vor lauter Gier nicht mit der Gabel erstochen wird. Also ganz im Ernst, das ist immer ein nicht ganz ungefährliches Erlebnis. Wenn man es aber überlebt hat und das Fleisch und die Beilagen auf den Teller gehievt hat, dann wird man belohnt, für die harte Anstrengung. Man wird von einer Geschmacksexplosion oder ich möchte es Geschmacksorgasmus nennen überrascht. Ein Highlight für die Geschmacksknospen! In Begleitung ein Bier, im Idealfall ein Weißbier, im Idealst Fall ein Bayerisches. Was will man mehr? Das ist praktisch der Himmel auf Erden für eine Bayerin.

Einmal sogar habe ich mir an der Kruste einen Zahn abgebrochen. Wahrscheinlich war das die Strafe für meinen puren Egoismus. Bevorzuge ich doch immer den knackigsten Teil. Am liebsten hätte ich ihn ganz für mich allein. Das war dann nicht so ein Spaß. Der Zahnarzt warnte mich: „Bei Schweinebraten ist äußerste Vorsicht geboten.“ Nichtsdestotrotz, verdarb mir der Unfall nicht meine große Schweinebratengier. Aber jetzt beherrsche ich mich etwas besser und lasse für die anderen auch ein klein wenig Kruste über. Aber wirklich nur ein klitzekleines bisschen. Schließlich reicht ein abgebrochener Zahn.

Also bei aller Liebe und Respekt vor den Tieren. Mein Herz schlägt doch für Braten etwas höher. Ich schaffe es einfach nicht, darauf zu verzichten. Wahrscheinlich deshalb, weil mein Widerstandswille nicht gerade hoch ist.

Am Abend gibt es dann Schweinebratenfett auf frischem knackigen Holzofenbrot. Was für ein schweinischer Genuss, diese Braten-Sonntage!

© Kristina Fenninger