Im Hier und Jetzt

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Im Hier und Jetzt | story.one

Vorsichtig wickle ich die Bienenwachsplatten vom Imker aus dem Papier. Mithilfe von Schablonen in verschiedenen Größen schneide ich diese zu.

Später sollen daraus Stumpen- und Christbaumkerzen gedreht werden. In den Holzofen lege ich Scheite nach und stelle einen alten Topf mit Wachsresten zum Schmelzen des Wachses auf die Platte.

Inzwischen schneide ich die Dochte auf die gewünschten Längen zu. Damit diese später auch brennen, muss man die richtigen Enden in geschmolzenes Wachs eintauchen.

Wenn die Platten dann warm geworden und ca. die Temperatur eines gut eingeheizten Raums haben, fange ich in der Nähe des Ofens, damit das Wachs nicht wieder zu kalt wird, zum Drehen an. Nur richtig temperiertes Wachs lässt sich gut verarbeiten. Ist es zu kalt, dann bricht es. Ist es zu warm, dann schmilzt es. Man braucht also etwas Geduld. Schnelligkeit ist da fehl am Platz!

Ich lege den Docht in das eine Ende der Platte. Vorsichtig wickle ich dann Millimeter für Millimeter mit viel Fingerspitzengefühl auf.

Bei dieser Tätigkeit schaffe ich etwas, was mir sonst des Öfteren gar nicht so gut gelingen mag, nämlich mich vollständig auf mein Tun zu konzentrieren. Ich befinde mich ganz im Hier und Jetzt.

Kein Handy und nichts Anderes ist wichtig in diesen Momenten.

Voller Freude betrachte ich dann das fertige Stück und beginne mit der nächsten Kerze.

Ein herrliches Gemisch aus Bienenwachs und meiner Räucherung aus heimischen Kräutern und Harzen liegt nun in der Luft. Wie ich diesen Duft doch liebe!

Meine Backen färben sich von der wohligen Wärme und der Freude rot.

Jedes Jahr im Spätsommer kann ich es kaum erwarten, bis ich wieder die frischen Platten in den Händen halten und mit der Arbeit beginnen kann.

An den dunklen Abenden zünde ich eine solche Kerze an und erfreue mich an deren hellen Schein. Draußen macht die Straßenlaterne den vorbeiziehenden Nebel sichtbar. Meiner Seele tun diese Momente sehr gut. Ich kann mich dabei herrlich entspannen und den oft stressigen Alltag in unserer lauten, schnellen Welt hinter mir lassen.

Am Heiligen Abend erstrahlt die Fichte durch die wunderbaren kleinen Werke. Was für ein besinnlicher Anblick für mich.

© Kristina Fenninger 24.11.2019