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#freundschaft#mutmacher

MUT

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MUT | story.one

Fast immer, wenn ich bei meiner Therapeutin war, fühle ich mich ganz leicht. So auch an jenem herbstlichen Mittwochnachmittag. Ich kaufe mir einen Coffee-to-go und spaziere den Kapuzinerberg hinauf.

Da sehe ich ihn, den entfernten Bekannten, auf einer Bank sitzen. Ein paar wenige Male waren wir gemeinsam in einer Bar. Ich kenne ihn nicht gut. Seine Hände stützen seinen Kopf. Er schaut sehr traurig aus. „Was soll ich machen, einfach so tun als ob ich ihn nicht gesehen habe und weitergehen? Oder ihn zumindest begrüßen und weitersehen...?“, überlege ich etwas überfordert. „Vielleicht will er nämlich gar nicht, dass ich sehe, wie verletzt er gerade ist?“ Doch jetzt dreht er seinen Kopf zu mir her. „Hey“, sagt er, und ich gehe weiter auf ihn zu. In seinen Augen sehe ich jetzt Tränen.

„Willst du reden?“, frage ich ihn, und schon sprudelt es aus ihm heraus: „Ich bin so ein Trottel.“ „Wieso?“, will ich wissen. „Ich habe mich verliebt, in eine Frau, die einen Partner hat. Gestanden habe ich ihr, was ich für sie empfinde. Natürlich hat sie mich, wie es nicht anders zu erwarten war, zurückgewiesen. Warum habe ich es ihr nur gesagt? Warum? Ich bin so blöd!“

„Oh“, sage ich nun, schaue hinunter in die Stadt und überlege. „Ganz klein fühle ich mich“, sagt er. „Ich verstehe das gut, aber wäre es dir besser gegangen, hättest du ihr nicht von deinen Gefühlen berichtet?“, frage ich ihn. „Ich weiß es nicht, aber wahrscheinlich ja“, antwortet er. Wir sitzen noch ein bisschen hier und verabschieden uns dann.

Jeder führt nun seinen Weg fort. Ich denke über unser Gespräch nach. Mutig und doch auch sehr schön finde ich es, dass er sich getraut hat, es ihr zu sagen, auch wenn es von vornherein wahrscheinlich klar war, dass er wenig Erfolg haben wird und auch, wenn er es im Nachhinein bereut. Trotzdem. Schade, dass mir das vorhin nicht eingefallen ist. Ich hätte ihm das gerne gesagt.

Mutig seinem Herz zu folgen, auch wenn die Erfolgswahrscheinlichkeit nicht gerade groß ist, sehe ich als wahre Stärke an. Es zeigt mir, dass ein Mensch zu sich selber steht, und das ist meiner Meinung nach das Wichtigste überhaupt.

© Kristina Fenninger 2020-06-10

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