Von Poesie und Achterbahnfahrt der Gefühle

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Von Poesie und Achterbahnfahrt der Gefühle | story.one

Nur wenn beide Gehirnhälften gleichmäßig aktiv sind, können wir gute Leistungen erbringen. Deshalb mussten wir Tafelklässler immer dann, wenn wir einen neuen Buchstaben lernten, eine liegende 8 zeichnen. Das ist eine gute Übung, um beide Gehirnhälften optimal zusammenarbeiten zu lassen. Wir hatten eine äußerst nette Klassenlehrerin, Frau D. Mit einer Engelsgeduld und guten Tipps brachte sie uns das Lesen und Rechnen bei. Zur Weihnachtszeit bastelten wir einen Adventskalender. Jeder von uns musste eine leere Toilettenpapierrolle mitbringen. Von unserer Lehrerin bekamen wir Süßigkeiten und ganz besondere bunte Aufkleber. Wir gaben sie in die Rolle und wickelten sie in farbenfrohes Papier ein. An jedem Tag in der Vorweihnachtszeit durfte ein anderes Kind eine Rolle des Kalenders öffnen. Wie gut, dass wir genau 24 Schüler waren. Meine Vorfreude darauf war riesig. Als ich endlich an der Reihe war, wurde ich bitter enttäuscht. In meinem Türchen nämlich befanden sich keine Sticker. Bestimmt hätte Frau D. welche auf Lager gehabt. Aber um ihr davon zu berichten, war ich viel zu schüchtern. Nach dem 1. Schuljahr verließ sie uns. Wir waren sehr traurig darüber. Unsere beliebte Lehrerin ging für einige Jahre ins ferne Ausland, nämlich nach Japan. Ihr Mann hatte dort beruflich zu tun.

Die Freude war riesengroß, als ich im Postkasten auf besonderem japanischen Seidenpapier geschriebenen Zeilen von ihr vorfand. Das war der Anfang unserer Brieffreundschaft. Für mein Poesiealbum schickte sie mir eine Karte mit einem asiatischen Püppchen aufgedruckt. Dazu eine japanische Weisheit: Die Lebensspanne ist dieselbe, ob man sie lachend oder weinend verbringt. Mein Kinderherz lachte. Einmal war sie auf Deutschlandbesuch und stattete ihren ehemaligen Erstklässlern einen Besuch ab. Ich umarmte sie ganz fest und war glücklich, sie zu sehen. Einige Jahre später kehrte sie und ihre Familie trotz der vielen Erdbeben die sie erlebt hatten, heil in die Heimat zurück.

Viele Jahre danach, ich wohnte bereits in Salzburg, besuchte ich meine Eltern in Bayern. Vor Dienstbeginn hatte ich in Traunstein etwas zu erledigen. Sie ist mir dann über den Weg gelaufen. Ich war sehr überrascht, dass sie mich nach so langer Zeit erkannte und noch viel mehr aber, dass sie nach ca. 13 Jahre noch immer meinen Namen wusste.

Jetzt aber wieder zurück in die Schulzeit: In der 3. Klasse der Volksschule fuhren meine Gefühle Achterbahn. Ich war in meinen damaligen Klassenlehrer verliebt. Was mir gefallen hat an ihm, ist mir heute ein Rätsel, hätte er doch ganz leicht mein Opa sein können. Wahrscheinlich aber imponierte mir seine Gutmütigkeit. Meiner Mama war er wohl auch sympathisch. Sogar so sehr, dass wir ihm kurz vor Weihnachten zuhause einen Besuch abstatteten und ein Geschenk überreichten. Erfreut bat er uns in die gute Stube. Verlegen saß ich da. Was war mir das peinlich? Wohl war ich roter im Gesicht als der Weihnachtsstern, der das gemütliche Haus schmückte.

© Kristina Fenninger 21.09.2019